TOP 100
Buchtipp

KI und der Mensch – nur als Duo erfolgreich

13. September 2023
5 Min.
Von Christoph Klawitter

Was der FC Bayern mit den „Innovatoren des Jahres“ gemein hat und wie sehr künstliche Intelligenz unseren Alltag umkrempeln könnte – all das ist im neuen TOP 100-Buch „Innovationsschmieden“ nachzulesen. Zudem stellt das Standardwerk der deutschen Innovationsliteratur die Erfolgsgeschichten der TOP 100-Unternehmen vor.

„Was wollen Sie denn hier? Innovation braucht doch kein Mensch.“ Es klingt fast unglaublich, was Prof. Dr. Nikolaus Franke, wissenschaftlicher Leiter von TOP 100, im neuen TOP 100-Buch von seinen Anfängen berichtet. Denn genau das waren die Worte, mit denen er 2001 von Kollegen empfangen wurde, als er an der Wirtschaftsuniversität Wien das Institut für Entrepreneurship und Innovation gründete. „Heute wirkt das wie ein Witz“, sagt Franke und macht damit deutlich, dass die Begrüßungsworte damals keineswegs ironisch gemeint waren. In einem Doppelinterview mit Thomas Wörl, dem geschäftsführenden Gesellschafter von compamedia, werfen die beiden im TOP 100-Buch einen Blick auf den stetig wachsenden Stellenwert des Themas Innovation. Anlass dafür ist das 30. Jubiläum des Innovationswettbewerbs TOP 100, der von compamedia ausgerichtet wird.

So, wie sich TOP 100 von einem regionalen Projekt zu einem bundesweiten Wettbewerb in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat, haben sich auch die ausgezeichneten Mittelständler weiterentwickelt. „Viele Methoden sind dazugekommen. Technologie, Konnektivität und Digitalisierung haben uns ganz neue Möglichkeiten eröffnet“, erläutert Franke. „Es ist in etwa so, als vergliche man den FC Bayern München, Manchester United oder Real Madrid von heute mit dem Fußball der deutschen Weltmeisterelf von 1990“, sagt Franke. „Damals war sie die beste Mannschaft des Turniers, heute hätte sie in Bezug auf Tempo, Athletik und Taktik keine Chance. Genauso sind die aktuellen ‚Innovatoren des Jahres‘ mit den Unternehmen von vor 20 Jahren nicht vergleichbar.“

Dass das TOP 100-Siegel im Laufe der Jahre stark an Attraktivität gewonnen hat, liegt zum einen an seinem vielfältigen Nutzen, beispielsweise für Recruiting, Medienarbeit oder Marketing. Thomas Wörl nennt aber noch einen anderen, nicht sofort auf der Hand liegenden Aspekt: „Die Mittelständler wollen sich auch einmal selbst feiern. Und das völlig zu Recht, denn häufig steht hinter einer innovativen Firma – das sind ja oft Familienunternehmen – auch ein beeindruckendes Lebenswerk. Diese Unternehmer tun das, was sie tun, mit Leidenschaft. Und wenn man etwas mit Leidenschaft macht, möchte man auch Wertschätzung dafür bekommen. TOP 100 bietet diese Wertschätzung.“

Politik und Verwaltung mit Nachholbedarf

In Zeiten von Pandemie, Krieg, Inflation und Klimawandel hat sich jüngst der Horizont verdunkelt, manche sprechen bereits von der „Deindustrialisierung Deutschlands“ und sehen besonders den deutschen Mittelstand in Gefahr. Franke plädiert aber für Optimismus: „Um die gegenwärtigen und zukünftigen Krisen meistern zu können, brauchen wir Innovation. Der deutsche Mittelstand ist dabei nicht das Problem – das enorme Potenzial ist klar erkennbar“, verweist er auf die TOP 100-Unternehmen. „Eine Schlüsselrolle wird aber spielen, ob es uns gelingt, auch Politik und Verwaltung an die Anforderungen der aktuellen und künftigen Herausforderungen anzupassen.“

© Axel Springer hy GmbH
Sieht große Chancen in KI: TOP 100-Juror Christoph Keese.

TOP 100-Jurymitglied Christoph Keese greift in einem Fachbeitrag für das Buch das gerade heiß diskutierte Thema künstliche Intelligenz auf. KI werde künftig sämtliche Lebensbereiche grundlegend verändern, ist er sich sicher. „Mensch und künstliche Intelligenz werden und müssen künftig ‚Hand in Hand‘ zusammenarbeiten“, so der geschäftsführende Gesellschafter von Axel Springer hy. KI funktioniere nur mit menschlichem Input. Und während ein Algorithmus die eingegebenen Daten aggregiere und analysiere, werde es immer noch den menschlichen Verstand benötigen, um daraus die richtigen Schlüsse ziehen zu können.

KI wandle sich von einer Spielerei der Techkonzerne zu einem essenziellen Teil des Lebens, erläutert Keese weiter. Wie der Titel seines Fachbeitrages „Life-Changer – Zukunft made in Germany“ schon nahelegt, sieht Keese darin große Möglichkeiten. „In künstlicher Intelligenz liegt eine enorme Chance, die Produktivität zu verbessern, höherwertige Jobs zu schaffen und die Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten“, schreibt er. Deutschland habe mit seinem Mittelstand die besten Voraussetzungen dafür. Er warnt jedoch auch davor, dass Deutschland und Europa bei KI nicht den Anschluss an die USA und China verlieren dürften. Denn diese beiden Staaten hätten mit ihrer höheren Investitionsfreudigkeit und ihrer größeren Bereitschaft, als Risikokapitalgeber für Start-ups zu fungieren, einen Vorteil gegenüber Deutschland und Europa.

© privat
Prof. Dr. Michael Jacob empfiehlt Mittelständlern, für Digitalisierung und Nachhaltigkeit eine integrierte Strategie zu entwerfen.

Digitalisierungsprojekt nicht automatisch auch nachhaltig

Dass es zwischen Nachhaltigkeit und Digitalisierung Zielkonflikte geben kann, darauf weist Prof. Dr. Michael Jacob in seinem Fachbeitrag hin. Er lehrt und forscht an der Hochschule Kaiserslautern im Fachbereich Betriebswirtschaft. Jacob unterscheidet zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten der Nachhaltigkeit. Es sei dabei keine Selbstverständlichkeit, dass ein Digitalisierungsprojekt ökonomisch nachhaltig ist: „Wenn sich nach kurzer Zeit herausstellt, dass es sich nur um eine Übergangstechnik oder eine technisch bald veraltete Lösung handelt, wäre die Investition besser nicht getätigt worden.“ Außerdem erwähnt er, dass Digitalisierung nicht per se ökologisch nachhaltig sein muss: „Grüne Informationstechnik, Green IT, verbraucht zwar weniger Ressourcen als ihre klassischen Pendants, ob sie jedoch tatsächlich längerfristig zu Einsparungen führt, ist nicht eindeutig erwiesen.“

Mittelständischen Unternehmen rät Jacob, Digitalisierung und Nachhaltigkeit nicht getrennt zu betrachten, sondern eine integrierte Strategie zu entwickeln. Allerdings ist er nicht allzu optimistisch, dass die Nachhaltigkeitsbeiträge der Unternehmen insgesamt für die Gesellschaft ausreichen werden: Wenn die Zahl der Menschen und auch das Konsumniveau weiter ansteige, werde dies auch durch fortgeschrittene digitale Technik nicht kompensiert werden können, prognostiziert er.

© Jörg Bluhm
Stärkere Werteorientierung, höhere Verkaufspreise: Das sollten Unternehmen selbstbewusst vertreten, rät Dr. Erny Gillen.

Für sich selbst als mittelständisches Unternehmen Werte zu formulieren und diese dann auch nach außen zu vertreten: das schlägt Ethikprofessor Dr. Erny Gillen in seinem Fachbeitrag vor. „Gründergenerationen leben ihre Werte oftmals aus dem Bauch heraus – der Erfolg im Geschäft gibt ihnen recht. Darauf können die nachfolgenden Generationen aber nur teilweise zählen und bauen“, schreibt er. „Sie müssen ihren Vorgängern und Kunden beweisen, dass auch sie es wert sind, den Betrieb zu führen.“

Gillen empfiehlt Mittelständlern, Zielwerte zu formulieren. Diese sollten aber so konkret wie möglich formuliert sein, zum Beispiel „sparsamer Umgang mit Ressourcen“. Sollten aus dieser Werteorientierung höhere Verkaufspreise für Produkte resultieren, solle man das als Unternehmen dem Kunden gegenüber auch selbstbewusst kommunizieren. „Dass es seinen Preis hat, verstehen immer mehr Menschen“, schreibt Gillen.

Erzählt die vielen Erfolgsgeschichten der innovativen Mittelstänler: das neue TOP 100-Buch.

Ranga Yogeshwar (Hrsg.): TOP 100 2023: Innovationsschmieden. Hardcover, 516 Seiten, Redline Verlag. ISBN 978-3-86881-941.0. Preis: 30 Euro.

Neue Runde für TOP 100 2024 hat begonnen

Auch im kommenden Jahr werden wieder die innovativsten Mittelständler Deutschlands ausgezeichnet. Interessierte Unternehmen, die sich dem Auswahlverfahren durch die wissenschaftliche Leitung stellen wollen, können sich noch bis zum 31. Oktober anmelden.