Herr Mkhitaryan, als Transformationsexperte bekommen Sie und Ihre Kollegen diverse Einblicke in Unternehmen unterschiedlichster Branchen. Wenn man all diese Unternehmen im Gesamten betrachtet: Wo steht Deutschland in Sachen KI derzeit? Bei der Nutzung einzelner Tools, bei ersten Prozessänderungen oder bereits bei strategischer KI-Integration?
Wie so oft bei den sogenannten Game-Changer-Technologien, zu denen auch KI gehört, ordnet man die Unternehmen, die solche Technologien einsetzen, in unterschiedliche Kategorien ein: Die Ersten sind meistens die Pioniere, die sogenannten Early Adopter, die den Mut und auch die entsprechenden Möglichkeiten haben, diese Technologien als erste einzusetzen. Und dann gibt es die Zögerer, die abwarten und schauen, welche wirtschaftlichen Effekte dadurch möglicherweise entstehen und welche Risiken es gibt, und diese Technologien später in ihren Unternehmen einsetzen.
Was wir außerdem beobachten, ist, dass der Großteil KI bisher eher isoliert nutzt. Das bedeutet, in Form einzelner Pilotprojekte oder einzelner Tools für bestimmte Aufgaben, etwa für Texte oder Recherchen. Eine nachhaltige und ganzheitliche Prozessveränderung ist momentan noch nicht zu beobachten. Die Herausforderung liegt in der Lücke zwischen funktionierenden KI-Tools und einer produktiven und abgesicherten Prozessintegration. Dafür braucht man belastbare Daten, belastbaren Kontext, entsprechende Schnittstellen und vor allen Dingen klare Verantwortlichkeiten.
Welche konkreten Entscheidungen müssen getroffen werden, bevor KI tief in Kernprozesse implementiert werden kann?
JM: Die fachliche Wertschöpfung als Kern der Unternehmung ist als Erstes zu betrachten: Welches konkrete Problem soll KI lösen? Der Einsatz von KI ist kein Selbstzweck, sondern dient als Unterstützungstechnologie. Nicht jeder Anwendungsfall rechtfertigt den Einsatz von KI. Deshalb ist es wichtig, mit einer Strategie die definierten Geschäftsziele herauszuarbeiten und die passenden Use-Cases zu entwickeln. Diese müssen allerdings mit messbaren Erfolgskriterien versehen werden.
Weiter muss man sich Gedanken über die Datenstrategie machen. KI-Tools und KI-Modelle sind sehr datensensitiv. Das bedeutet, dass bestimmte Voraussetzungen und Herausforderungen auf Datenseite berücksichtigt werden müssen: Welche Daten dürfen genutzt werden? In welcher Qualität liegen sie vor? Welche Zugriffsrechte sind zu berücksichtigen? Wie ist die Compliance geregelt? Wie wird die Kontextualisierung sichergestellt?
Wenn diese Fragen geklärt sind, muss die KI in eine geeignete Architektur überführt werden: Soll sie nur als einzelnes Tool eingesetzt werden oder Bestandteil einer unternehmensweiten Daten- und Prozesslandschaft werden? Zusätzlich müssen die fachliche Verantwortung, die Ergebnisvalidierung, das Risikomanagement und nicht zuletzt auch das Change-Management berücksichtigt werden. Denn KI und der Einsatz solcher Technologien verändern zweifelsfrei Rollen und bestimmte Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten innerhalb der fachlichen Prozesse.