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TOP 100 Unternehmerinnen Gipfel Frauen

Wenn der Titel auf der Visitenkarte nicht ausreicht

16. Januar 2020 Christoph Klawitter Lesedauer 5 Minuten

Nur wenige Mittelständler werden von einer Frau geführt. Die drei TOP 100-Unternehmerinnen Nina Beikert, Drita Schneider und Janina Keuters erzählen, wie es sich anfühlt, als Frau an der Spitze eines Unternehmens zu stehen – und warum es für sie Respekt und Anerkennung nicht geschenkt gibt.

Die neue Chefin ist gerade einmal 29, sie kommt nicht aus der IT-Branche, vor ihr sitzen gestandene Mitarbeiter jenseits der 50 – und sie ist auch noch eine Frau: Janina Keuters weiß noch ganz genau, wie sich die erste Teambesprechung als neue Firmenchefin des IT-Entwicklers FLS anfühlte. Nämlich wie „ein Sprung ins kalte Wasser“, erinnert sie sich. „Da bin ich sehr viel aus meiner Komfortzone herausgekommen“, sagt die TOP 100-Unternehmerin.

Auch für Drita Schneider war die erste Zeit als Geschäftsführerin von Schneider Kunststofftechnik, ebenfalls ein TOP 100-Unternehmen, nicht einfach. In einer außergewöhnlichen Situation übernahm sie 2013 die Firma: Ihr Schwager, der bisherige Geschäftsführer, zog sich aus gesundheitlichen Gründen zurück. Und bei kleineren mittelständischen Unternehmen stellt sich dann schnell die Frage: Wie geht es weiter? Geht es überhaupt weiter?

Arbeitsplätze gesichert: In schwieriger Lage übernimmt Drita Schneider Verantwortung. Bild: privat

„Die Mitarbeiter haben das Signal gebraucht, dass es weitergeht, dass die Arbeitsplätze sicher sind“, sagt Drita Schneider. Mit der Übernahme der Geschäftsführung setzte sie dieses Signal – doch sie selbst musste sich als Branchenfremde erst einmal einarbeiten. „Ich habe mich wie eine Praktikantin gefühlt“, bekennt sie offen. Doch der Blick von außen als Branchenfremde – diese Erfahrung machte auch Janina Keuters in ihrem Betrieb – war andererseits auch eine Hilfe: Er schützte vor Betriebsblindheit.

Vorurteile lassen sich auch positiv nutzen

Nina Beikert hatte bereits erste Führungserfahrungen bei einem Konzern gesammelt, bevor sie die Geschäftsführung bei dem TOP 100-Unternehmen Labor Berlin übernahm. Trotzdem bezeichnet sie die Anfangszeit bei Labor Berlin, das ein gemeinsames Unternehmen der Krankenhauskonzerne Charité und Vivantes ist, als eine große Herausforderung. „Deutlich jünger zu sein als viele der Mitarbeitenden, ohne wissenschaftliche Karriere und noch dazu als eine Frau ist gerade in einem universitären Umfeld eher unüblich“, sagt Nina Beikert. „Der Titel auf der Visitenkarte reicht da nicht aus“, bringt sie es auf den Punkt. „Respekt und Anerkennung musste ich mir erst verdienen.“ Sie lässt auch durchblicken, dass es „nicht einfach ist, sich in einer solchen Männerwelt durchzusetzen“. Aber manche Vorurteile gegenüber Frauen würden sich auch positiv nutzen lassen. „Unterschätzt zu werden, kann auch Vorteile haben“, ergänzt sie.

Laut den Zahlen der Förderbank KfW sind im Jahr 2017 nur 15,4 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland von einer Chefin geführt worden. Der Frauenanteil ist sogar rückläufig: 2013 waren es noch 19,4 Prozent. Erhebungen dieser Art schweigen sich aber darüber aus, ob es nicht auch eine „Dunkelziffer“ geben könnte: So ist denkbar, dass manches mittelständische Unternehmen inoffiziell von der Ehefrau des Inhabers mitgeführt wird. Letzten Endes sind jedoch Frauen als Unternehmerinnen, ob nun offiziell oder inoffiziell, in der Minderheit. Das ist auch Janina Keuters Beobachtung. „Ich freue mich immer, wenn ich Unternehmerinnen treffe. Das ist aber leider sehr selten.“

Nina Beikert hat sich in einer "Männerwelt" durchgesetzt. Bild: privat

Trotz Doppelbelastung leistungsfähig

Möchte man mehr Frauen in der Chefetage haben, muss laut Nina Beikert zuerst das Thema Familie und Karriere angegangen werden. „Ich hatte das Glück, dass ich mich schnell weiterentwickeln konnte und man mir sehr früh sehr viel Vertrauen geschenkt hat“, erinnert sie sich. „Hätte ich zu diesem Zeitpunkt bereits Kinder gehabt, wäre mir eine Entwicklung in diese Position vermutlich nicht angeboten worden.“ Sie höre von vielen Freundinnen, dass diesen keine Führungsposition anvertraut werde, weil sie kleine Kinder hätten. Die Angst des Arbeitgebers sei dann, dass die Mütter zu oft fehlen oder zu wenig auf die Arbeit fokussiert sein könnten. Nina Beikert findet das ausgesprochen schade. „Aus meiner Erfahrung sind gerade Mütter mit der klassischen Doppelbelastung zumeist top organisiert und extrem leistungsfähig.“

Nina Beikert hat durchaus den Eindruck, dass Frauen sich an der Spitze eines Unternehmens noch etwas mehr beweisen müssen als Männer. „Respekt und Anerkennung gibt es nicht geschenkt“, sagt sie. „Das gilt besonders für Frauen, da wir eben immer noch mit traditionellen Rollenbildern assoziiert werden, die mit Durchsetzungs- und Meinungsstärke eher wenig zu tun haben.“

Janina Keuters legt beim IT-Entwickler FLS Wert auf eine gute Arbeitsatmosphäre. Bild: privat

Frauen sollten sich selbst die Chefrolle auch zutrauen und das entsprechende Selbstvertrauen entwickeln, meint Janina Keuters. „Daran hapert’s auch, glaube ich“, bedauert sie.

Von einer Frauenförderung á la Frauenquote hält zum Beispiel Drita Schneider aber nichts. Den Begriff Frauenquote würde sie „abschaffen“, schlägt sie vor. „Der Begriff vermittelt ein völlig falsches Bild.“ 

Mehr Augenmerk aufs Atmosphärische

Die TOP 100-Unternehmerinnen finden, dass mittelständische Unternehmen von weiblichen Chefs profitieren könnten: weniger strenge Hierarchie, mehr Augenmerk aufs Atmosphärische in der Firma. „Ich lege Wert darauf, dass die Menschen motiviert und gerne zur Arbeit kommen“, beschreibt Janina Keuters ihren Führungsstil. Drita Schneider wiederum ist der Ansicht, dass Frauen in Führungspositionen eventuell noch mehr die Stärken des einzelnen Mitarbeiters oder der Mitarbeiterin sehen könnten als Männer. In ihrem Unternehmen ist ihr außerdem der Teamgedanke sehr wichtig. „Es wird über alles gesprochen“, beschreibt sie die Firmenkultur im Haus.

TOP 100-Unternehmerinnen – darunter auch Janina Keuters (oben, Dritte v. l.) – besuchen das Silicon Valley. Bild: Tom Wörl

TOP 100-Forscher Prof. Dr. Nikolaus Franke war bereits bei der TOP 100-Denkerrunde und der TOP 100-Expedition ins Silicon Valley dabei. „Da waren tolle Unternehmerinnen dabei“, bemerkt er. Solche Frauen in Führungspositionen hätten eine Vorbildfunktion für andere Frauen. „Das ist sehr wichtig“, betont er. Gleichwohl hält er allerdings gute Führung nicht für eine Geschlechterfrage. „Ob Mann oder Frau, Christ oder Moslem, oder welche sexuelle Ausrichtung: Das ist völlig egal“, sagt Franke. Vielmehr komme es darauf an, dass eine Führungskraft Werte verkörpere. Und ein Unternehmen, das Kandidaten möglicherweise wegen persönlicher Merkmale ablehnt, schädigt sich selbst: „Jede Diskriminierung ist im Grunde genommen dumm.“

Autor

Christoph Klawitter schreibt als PR-Redakteur von compamedia für den TOP 100-Blog.

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