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Videokamera filmt das Spielfeld im Fußballstadion
Videokamera filmt das Spielfeld im Fußballstadion

Warum der Videobeweis in der Bundesliga gescheitert ist

07. Dezember 2017 Pascal Simon Lesedauer 4 Minuten

Keine absurden Schwalben mehr, keine hanebüchenen Abseitstore und keine ungerechtfertigten Platzverweise – es hätte so schön werden können. Die Einführung des Videobeweises sollte für mehr Transparenz und Gerechtigkeit im Fußball sorgen – und hat doch das Gegenteil erreicht. Wie konnte das passieren?

Für Stefan Kießling begann der 18. Oktober 2013 wie ein ganz normaler Arbeitstag. Der Bundesliga-Profi gastierte mit seinem Club Bayer Leverkusen zum Auswärtsspiel bei der TSG Hoffenheim. In der 70. Spielminute segelte ein Eckball der Gäste von links in den Strafraum, Kießling köpfte ans Außennetz, ärgerte sich über die vergebene Chance und trabte zurück zur Mittellinie – als plötzlich ein Pfiff des Schiedsrichters ertönte. Durch ein Loch im Tornetz war Kießlings Kopfball im Hoffenheimer Gehäuse gelandet. Weder der Unparteiische noch seine Assistenten hatten den Fehler bemerkt – und entschieden auf Tor für Leverkusen, das die Partie mit 2:1 gewann.

Auf den Spuren von Thomas Helmer: Stefan Kießling mit dem wohl kuriosesten „Treffer“ der jüngsten Bundesligageschichte.

Das zweite Phantomtor der Bundesligageschichte - das erste hatte Thomas Helmer 1994 für den FC Bayern „erzielt“ – lieferte den Befürwortern des Videobeweises neue Argumente. Denn was für den Schiedsrichter im Spiel kaum zu sehen war, ließ sich auf den Fernsehbildern leicht erkennen.

Seit dieser Saison ist der Videobeweis in allen Spielen der ersten Fußball-Bundesliga Realität – und steht bei Spielern, Trainern und Funktionären bereits massiv in der Kritik. Denn anstatt strittige Situationen schnell und eindeutig aufzuklären, stiftet die neue Technik vor allem Verwirrung. Vom ursprünglichen Ziel, den Fußball „gerechter“ zu machen und Fehler wie Kießlings „Phantomtor“ zu vermeiden, ist man meilenweit entfernt.

Torszene beim Eishockey
Tor oder nicht? Beim Eishockey ist der Videobeweis seit Jahren fester Bestandteil.

Gute Idee, schlechte Umsetzung

Die neue Technik an sich ist jedoch nicht der Grund für die aktuelle Misere. Schließlich wird der Videobeweis im Eishockey oder im Basketball seit Jahren erfolgreich eingesetzt – auch in Deutschland. Dieses Erfolgsmodell ließe sich auch auf den Fußball übertragen. Allein, es scheitert an der Umsetzung durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL).

Mit dieser Problematik werden jedoch nicht nur die Fußballgranden konfrontiert. Denn die Implementationsphase innovativer Technologien und Arbeitsprozesse zählt auch in Unternehmen zu den größten Herausforderungen des Innovationsmanagements. Das zentrale Dilemma: Während jedes Unternehmen im Tagesgeschäft stark auf Routinen angewiesen ist, versuchen Innovationsprojekte in der Regel genau diese Routinen zu durchbrechen. Das führt fast zwangsläufig zu Konflikten.

Solche Routinen gibt es auch im Fußball. Eine der wichtigsten ist die unumstößliche Autorität des Schiedsrichters. Durch den Videobeweis wird diese Routine aufgeweicht, denn immer häufiger müssen Entscheidungen des Schiedsrichters auf Betreiben seines Videoassistenten revidiert werden. Im besten Falle führt das zu weniger Fehlentscheidungen, im schlechtesten Fall zu unklarer Kompetenzverteilung und Chaos.

Klare Regeln für den Einsatz

Jeder Unternehmer weiß: Der Erfolg einer Innovation hängt auch davon ab, dass alle Beteiligten die Veränderung der bisherigen Routine akzeptieren und als Fortschritt erkennen. Wenn, wie beim Videobeweis, ein Entscheidungsprozess neu aufgelegt wird, müssen in der Implementationsphase klare Regeln für dessen Ablauf definiert werden.

Was in der Theorie simpel klingt, ist in der Praxis durchaus knifflig. So einigten sich DFB und DFL zu Beginn der Saison darauf, dass der Videoassistent nur bei seiner Einschätzung nach „offensichtlichen Fehlern“ des Schiedsrichters ins Geschehen eingreifen dürfe. Wie der „Kicker“ berichtet, wurde diese Marschroute nach nur fünf Spieltagen bereits gelockert. Von nun an sollten die Video-Schiris bereits eingreifen, wenn ihnen „starke Zweifel an der Berechtigung der Schiedsrichterentscheidung“ kommen. Eine Regeländerung, die einen großen Interpretationsspielraum eröffnet. Erstaunlicherweise wurde diese Neuausrichtung in der Öffentlichkeit zunächst nicht kommuniziert. Selbst die Vereine wurden erst einen Monat später informiert.

Keine Transparenz für die beteiligten Akteure

Die größte Schwachstelle des Videobeweises ist jedoch, dass er die beteiligten Akteure viel zu lange im Unklaren lässt. Denn während der Schiedsrichter die Möglichkeit hat, sich die betreffende Szene auf einem am Spielfeldrand installierten Monitor noch einmal anzusehen, bleibt allen anderen im Stadion nur das bange Warten. Wenn aber weder die Spieler auf dem Rasen, noch die Trainer an der Seitenlinie oder die Zuschauer auf den Tribünen die Möglichkeit haben, den Entscheidungsprozess des Schiedsrichters nachzuvollziehen, ist dessen endgültige Entscheidung oftmals nur schwer zu akzeptieren.

Angesichts dieser Probleme droht der Videobeweis genau wie unzählige Innovationen zuvor an seiner mangelhaften Umsetzung zu scheitern. Oder gelingt den Verantwortlichen am Ende doch noch der Turnaround? Aktuell wird darüber diskutiert, die vom Schiedsrichter überprüften Szenen auch auf der Videowand des Stadions zu zeigen. Diese Maßnahme würde zweifellos für mehr Transparenz sorgen, wurde vor Beginn der Saison jedoch noch kategorisch ausgeschlossen. Es bleibt also abzuwarten, ob das zweite Phantomtor der Bundesligageschichte gleichzeitig auch das letzte bleibt.

Autor

Pascal Simon ist Redaktionsleiter des TOP 100-Blogs und PR-Berater bei compamedia

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