Am Puls der Zeit
bleiben: mit dem
TOP 100-Blog

Bärtiger Mann mit roter Nase und Partyhut hat schlechte Laune

Warum das goldene Zeitalter der Start-ups bald vorbei ist

01. März 2018 Julian van der Linden Lesedauer 4 Minuten

Die Begeisterung für Start-ups und deren Macher ist weiterhin ungebrochen – Blogs, Medien und selbsternannte Insider überschlagen sich fast mit euphorischen Berichten und Prognosen. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch dieser Hype endet. Die entscheidenden Faktoren: Technik, Köpfe und Kapital.

Bei allen Anstrengungen zur Digitalen Transformation von Unternehmen und der Gesellschaft und bei allen segensreichen neuen Apps und Services, übersieht man leicht folgendes: Insbesondere die Tech- und Digital-Szene ist fest in der Hand von einigen mächtigen Akteuren, deren Brands jeder kennt: Microsoft, Apple, Google (bzw. Alphabet), Facebook und Amazon. Die letzten drei waren vor gut zehn Jahren selbst noch Tech-Start-ups im klassischen Sinne – heute besitzen diese fünf Unternehmen eine Vielzahl an Technologien und Patenten, unterschiedlichste Plattformen und Marken und darüber nahezu alle erdenklichen Kundenzugänge (inkl. der entsprechenden Daten über das Kaufverhalten ihrer Kunden), an denen heute viele Start-ups, genauso wie etablierte Unternehmen, nicht mehr vorbeikommen.

WhatsApp-Logo
Gefährliche Wettbewerber werden aufgekauft: So geschehen bei Facebooks Übernahme von What’s App, das dem Facebook-Messenger das Wasser abzugraben drohte. (© WhatsApp Inc. / Wikimedia)

Und bevor ein vielversprechendes Tech-Start-up in die Sphären der sog. „Unicorns“ vordringt – als magische Grenze gilt eine Unternehmensbewertung von über 1 Mrd. US-Dollar – wird dieses von einem der fünf genannten Riesen oder anderen aktiven Corporate Venture Capitalists aufgekauft. Wenn diese nicht schon längst in einer Frühphase in dieses Start-up investiert haben. So hat beispielsweise Google in elf der weltweit insgesamt 228 Unicorns direkt investiert.

Erfolgstyp Start-up-Gründer

Wenn ich den Aspekt „Köpfe“ betrachte, dann hat mir die Studie „Einhorndompteure“ von Prof. Julian Kawohl und Sascha Grumbach zu denken gegeben: Diese haben sehr deutlich herausgearbeitet, dass eben nicht die Geschichte von Mark Zuckerberg die Quintessenz für Start-up-Erfolg bildet. Stattdessen wurden hochbewertete Start-ups fast ausnahmslos von gut ausgebildeten, männlichen Gründern aufgebaut, die vorher entweder Führungspersönlichkeiten in bestehenden Unternehmen waren oder bereits mehrere Start-ups gegründet hatten.

Man kann also beruhigt davon ausgehen, dass diese Persönlichkeiten auch andere Alternativen hatten und haben, als „nur“ als Entrepreneur das eigene Unternehmen aufzubauen, weil sonst kein anderer Weg zum persönlichen Erfolg führt. Und während für solche Typen noch vor etwas mehr als zehn Jahren die Perspektive Investmentbanker oder Unternehmensberater das goldene Ticket „nach oben“ versprochen hat, lockt nun viele der einträgliche Exit, also der Verkauf des eigenen Start-ups an einen Investor oder einen internationalen Konzern.

Elon Musk
Früher wäre er vielleicht Unternehmensberater oder Investmentbanker geworden. Heute ist Seriengründer Elon Musk das große Idol der jungen Gründerszene. (© Heisenberg Media / Wikimedia)

Sollten sich also in Zukunft die Perspektiven für junge, schlaue und erfolgshungrige Menschen ähnlich deutlich verändern, dann wird das Thema „Start-up“ mit allen damit verbundenen persönlichen Mühen und Risiken wahrscheinlich nicht mehr so spannend sein. Und wir können davon ausgehen, dass ein Großteil derjenigen Köpfe, die heute erfolgreiche Entrepreneure sind und als Inspiration für andere wirken, diesem Markt einfach nicht mehr zur Verfügung stehen, was dauerhaft der Attraktivität und Strahlkraft der Start-up-Szene schaden würde.

Investieren oder nicht investieren?

Der dritte und aus meiner Sicht entscheidende Aspekt: Zuviel Kapital im Markt befeuert den Start-up-Hype. Die aktuelle Jagd nach lukrativen Start-up-Deals ist auch darin begründet, dass sowohl Finanz- als auch strategische Investoren in der aktuellen, globalen Niedrigzins-Phase sehr viel Kapital liquide zur Verfügung haben, bei meist gut laufenden Geschäften. Die „Kriegskassen“ sind voll und Kapital muss investiert werden – das führt dazu, dass auch schnell mal Bewertungen für Start-ups aufgerufen werden, die im Hinblick auf das Marktpotential und den bisherigen Erfolg der jungen Unternehmen einfach nicht gerechtfertigt sind. Die Furcht vor entgangenen Deals und der Konkurrenz, die ja schneller und/oder schlauer sein könnte, verleitet sowohl Investoren als auch langfristig orientierte Kapitalgeber. Nicht umsonst lautet die deutsche Übersetzung von „Venture Capital“ Wagnis- oder Risikokapital.

Janet Yellen
Im letzten Jahr ihrer Amtszeit leitete US-Notenbankchefin Janet Yellen eine vorsichtige Zinswende ein. 2017 erhöhte sie den Leitzins gleich dreimal. (© Federal Reserve / Wikimedia)

Was aber wird passieren, wenn es globale oder zumindest regionale konjunkturelle Eintrübungen gibt und/oder die Zinsniveaus weltweit spürbar anziehen (und damit andere Investitionen bzw. Anlageformen wieder attraktiver werden)? Insgesamt weniger Investitionen, die weniger freigiebig an insgesamt weniger Start-ups verteilt werden, werden weniger echte Erfolgsstories produzieren. Das ist natürlich weniger interessant und berichtenswert auf Kongressen und in den einschlägigen Medien, was wiederum die Faszination für die Start-up-Szene beeinflussen wird – ebenso wie deren Selbstverständnis.

Dass das rauschende Start-up-Fest nicht ewig andauert ist klar. Doch kommt danach einfach die nächste Party oder bleibt nur Katerstimmung? Das ist nicht mit Sicherheit zu beantworten. Ich bin mir aber sicher, dass die Chancen für langfristig agierende, strategisch orientierte Investoren aus dem deutschen Mittelstand wieder beträchtlich steigen werden, um bei neuartigen Entwicklungen mit dabei zu sein. Um hier zum richtigen Zeitpunkt zum Zuge zu kommen, empfehle ich den exzellent ausgerichteten Familienunternehmern, sich jetzt mit dem strategischen Fit von potentiellen Start-ups zu beschäftigen.

Autor

Julian van der Linden ist Projektleiter bei der auf Familienunternehmen spezialisierten Beratung Weissman & Cie. Seine Themenschwerpunkte liegen im Bereich Innovationsmanagement sowie Organisations- und Strategienetwicklung.

E-Mail schreiben

Kommentare

Kommentar verfassen

*Wird nicht veröffentlicht

Über uns

TOP 100 ist die Auszeichnung für Deutschlands innovativste Mittelständler.

Unser Innovationsblog inspiriert unsere Leser dazu, wie die TOP 100 innovativ und kreativ zu denken und auf diese Weise mutig die Zukunft zu gestalten.

Highlights

Da fliegt mir doch das Blech weg!
15. Januar 2018
Mit diesen Start-ups sollten Sie rechnen
11. Januar 2018
Warum der Videobeweis in der Bundesliga gescheitert ist
07. Dezember 2017
Mit der Blue-Ocean-Strategie zum Erfolg
27. April 2017
Schrecken und Chancen der Disruption
06. Februar 2017

Impressionen des
5. Deutschen
Mittelstands-Summit

Zur Galerie

Den
TOP 100-Blog
abonnieren

Zum RSS-Feed