Vom Wandel im Modehandel

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Vom Wandel im Modehandel

10. Februar 2016 Hagen Seidel Lesedauer 4 Minuten

In den Fußgängerzonen sterben die Boutiquen und die Kaufhäuser. Das große Geschäft in der Bekleidungsbranche machen heute Onlinehändler wie Zalando oder bonprix. Sie sind „Game Changer“ und richten dadurch bei der Konkurrenz verheerende Schäden an. Was kann der traditionelle Modehandel dem entgegensetzen?

Für Fritz Knapp scheint die Sache klar zu sein: „Der Internethandel zerstört die Innenstädte“, schimpft der Chef der Textilkette New Yorker, „der stationäre Handel stirbt, weil Unternehmen, die in Deutschland keine Steuern zahlen, ihre Kunden aus Lagerhallen bedienen.“ Wie viele Händler betrachtet der Mann diesen Umbruch im Einzelhandel mit Sorge:

Durch harte Arbeit sind er und zahlreiche andere in den vergangenen Jahrzehnten mit ihren Geschäften in Einkaufsstraßen und Shoppingcentern reich geworden. Und jetzt kommen diese jungen Leute, die Zalandos und Amazons und andere, kleinere Anbieter, spielen nach neuen Regeln und machen ihnen das Geschäft kaputt. Und die Innenstädte gleich mit.

Die schöne neue Einkaufswelt

Immer mehr Kunden bestellen neue Kleidung lieber per Mausklick von zu Hause aus – und zwar längst nicht mehr nur die jungen. Für sie ist das eine Innovation; endlich müssen sie sich nicht mehr um den Ladenschluss oder das Handelsverbot an Sonntagen kümmern. Sie können sogar, wenn ihnen danach ist, mit dem Smartphone nachts um 3 Uhr in der U-Bahn Möbel kaufen.

Noch dazu ist das Angebot an Produkten riesengroß, größer, als es in einem gemauerten Laden je sein könnte. Und wenn die Zalando-Seite anzeigen sollte, dass die gewünschte Hose in Größe L gerade vergriffen ist, schaut man, ohne vom Sofa aufzustehen, „nebenan“ vorbei, bei Amazon, Otto oder ASOS. Dabei werden die Lieferzeiten immer kürzer: Die Lieferung innerhalb eines Tages ist, zumindest gegen Aufpreis, nichts Besonderes mehr.

Bald wird in den Großstädten noch am Tag der Bestellung geliefert werden. Zudem verbessern sich die Möglichkeiten der Produktdarstellung auf den Onlineseiten stetig, so sinkt die Gefahr einer Fehlbestellung. Und falls es, mangels Anprobe, einmal die falsche Konfektionsgröße gewesen sein sollte, ist das auch kein Problem. Denn die Retoure kostet bei den meisten Anbietern keinen Aufpreis – das ist die schöne neue Einkaufswelt.

Aber: Jede Jeans, die im Internet bestellt wird, fällt für die Betreiber klassischer Läden als Umsatz- und Gewinnquelle weg.

Über diese zerstörerische Kraft des Innovativen kann sich einer wie Knapp schon aufregen, zumal er mit vielen seiner Vorwürfe recht hat: Amazon, der größte Onlinehändler der Welt, der zunehmend auch Bekleidung vertreibt, zahlt kaum Steuern.

Erträge kann er meist sofort wieder ins Unternehmen investieren. Ähnlich ist es bei Zalando. So strecken mächtige Geldgeber im Hintergrund Millionen vor, in der Hoffnung auf den ganz großen Gewinn in einigen Jahren. Bei ihrem „Kreuzzug“ holen sich die Onlinefirmen dauerhaft Marktanteile, sie können jedes Jahr zweistellige Wachstumszahlen vorweisen und drücken die Gewinnmargen in ihrer Branche. Die Folge: Für viele traditionelle Verkäufer sinken die ohnehin schon niedrigen Renditen unter die Schmerzgrenze, etwa für mittelständische Schuhhändler mit 5, 10 oder 15 Läden in kleinen oder mittelgroßen Städten. Mehrere solcher Ketten mussten dem Vormarsch von Zalando und anderen „Onlinern“ schon Tribut zollen und in die Insolvenz gehen. Leere Ladenlokale sind geblieben – und die Attraktivität der Innenstädte ist dadurch gesunken.

So schließt sich der Teufelskreis: Wenn die Stadt als Einkaufsort immer unattraktiver wird, bestellen vor allem jüngere Kunden Waren lieber im Internet oder fahren in die nächstgelegene große, attraktivere Stadt. Denn dort gibt es alle wichtigen Marken und mehr als nur Einkaufsmöglichkeiten – Restaurants, Kneipen, Clubs und sogar Bundesligaspiele. Sorgt sich Fritz Knapp, der Chef von New Yorker, also zu Recht? Sterben die Zentren, zumindest die der kleinen und der mittelgroßen Städte, aufgrund der Onlinerevolution?

Das Beste aus zwei Welten

Es spricht wenig dafür, dass unser Land bald „ladenlos“ sein wird.

Die meisten Experten trauen den Onlinehändlern, etwa im Modesektor, auf Dauer einen Marktanteil von gerade mal einem Drittel zu, vielleicht ein wenig mehr. Das ist zwar viel, schließlich verändern die Erfolge dieser Firmen jetzt schon die Ladenlandschaft grundlegend. Aber: Dieser Prognose zufolge werden in Zukunft immer noch zwei von drei Kleidungsstücken in Geschäften verkauft.

Wenn ein mittelständischer Händler zu den überlebenden zwei Dritteln gehören will, muss er sich umstellen und sich einstellen auf die „jungen Wilden“ aus dem Netz. Er muss Innovationen aus der neuen Welt adaptieren, damit auch die Digital Natives noch in sein Geschäft kommen – junge Leute also, die mit Computer, Internet und E-Commerce aufgewachsen sind. Die werden, nach den Gesetzen der Bevölkerungsentwicklung, irgendwann die Mehrheit in der Gesellschaft bilden.

Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus einem Gastbeitrag von Hagen Seidel im neuen TOP 100-Buch „Vordenker“: Yogeshwar, Ranga (Hrsg.): Vordenker. Redline-Verlag. München. ISBN 978-3-86881-592-4

 

 

Autor

Hagen Seidel ist der Chefredakteur des Branchenmagazins "TextilWirtschaft"

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