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Universitäten als Ideenfabriken für den Mittelstand

22. September 2016 Sven Kamerar Lesedauer 4 Minuten

Das rasante Innovationstempo allerorten macht den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis zum Erfolgsfaktor für Unternehmen. Nur so bleiben sie auf der Höhe der Zeit. Ein Blick auf gelungene Kooperationen und auf ein Start-up, das daraus ein cleveres Geschäftsmodell entwickelt hat.

Noch haben nicht allzu viele Unternehmen begriffen, wie wichtig für sie der Austausch mit Wissenschaft und Forschung ist, um wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben: Selbst von den Firmen, die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) als „innovationsaktiv“ bezeichnet, kooperieren gerade einmal 6,8 Prozent mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen. 

Nun kann man argumentieren: Nach den Maßstäben des ZEW sind 93,2 Prozent der Unternehmen auch ohne Kooperation erfolgreich. Man kann aber auch zu der Ansicht gelangen, dass diese Betriebe sich einfach mit dem Erreichten zufriedengeben und Potenzial verschenken.

Zusammenarbeit als Innovations- und Wachstumsmotor

Schaut man beispielsweise nur auf die TOP 100, also auf die innovativsten Unternehmen des deutschen Mittelstands, dann sieht man, dass überdurchschnittlich viele von ihnen regelmäßig mit Universitäten und Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten: 66 Prozent. Kooperationen dieser Art sind also ein echter Innovations- und Wachstumstreiber.

Das bestätigt Daniel Huber, der Geschäftsführer des viermaligen TOP 100-Unternehmens Peter Huber Kältemaschinenbau: „Wahre Technologiesprünge lassen sich durch die Zusammenarbeit mit externen Entwicklungspartnern am ehesten erkennen“, sagt der Mann, der mit seinen Technologien unter anderem ein Observatorium im Himalaja-Gebirge ausgestattet hat.

Studenten organisieren virtuelle Modenschau

Auch zwei Top-Innovatoren aus der Modebranche setzen auf universitäres Know-how und übertragen Studenten außergewöhnliche Innovationsprojekte. „Die Wissenschaftler und Studenten helfen uns aktuell zum Beispiel bei der 3-D-Simulation: Eine Software näht Stoffe virtuell zusammen, zieht die fertige Kleidung einem Avatar an und kann auch die Bewegung der Stoffe simulieren. Für solche Forschungen haben wir als Mittelständler gar nicht die Kapazitäten“, berichtet Helmut Schlotterer in einem Interview für das gerade erschienene TOP 100-Buch. Schlotterer ist Inhaber des international tätigen Damenmode-Herstellers Marc Cain.

Der älteste Damenschuh-Hersteller Europas, die Peter Kaiser Schuhfabrik, profitiert ebenfalls von der Einbindung externen Wissens in seine Innovationsprozesse: Gemeinsam mit Studenten der Technischen Universität Berlin realisierten die Pirmasenser in einjähriger Entwicklungsarbeit einen fotorealistischen 3-D-Produktkonfigurator. Mit ihm können Kundinnen selbst zu Designerinnen werden und ihre eigenen Wunschschuhe und -handtaschen entwerfen. Peter Kaiser fertigt und versendet die individuellen Entwürfe in nur drei bis vier Wochen.

TWL „mietet“ eine Universität

Die Technischen Werke Ludwigshafen (TWL) zogen die Zusammenarbeit gleich etwas größer auf: 2015 veranstaltete der Energieversorger gemeinsam mit der Karlshochschule in Karlsruhe den Ideenworkshop „Rent a University“: 100 Studenten und 20 Professoren entwickelten gemeinsam neue Ideen für die Versorgungswirtschaft der Zukunft.

„Nach dem ‚Open Space’-Konzept beschäftigte sich die Hochschule mit der Frage, welche Kundenbedürfnisse die Versorgungswirtschaft 2020 erfüllen soll. In drei Runden à 75 Minuten wurden unterschiedlichste Ideen in den Hochschulräumen generiert und bearbeitet. Von ‚Mobilität der Zukunft‘ über ‚Social Responsibility’ bis hin zu ‚Smart & Green Cities’ – den Gedanken waren keine Grenzen gesetzt“, berichtet das Unternehmen in seinem Newsletter. Die Ergebnisse wurden dann an der Karlshochschule im Rahmen eines Unternehmensprojekts weiter bearbeitet. 

Austausch mit Universitäten als Geschäftsmodell

Nicht selten fehlt mittelständischen Unternehmen aber der Zugang zu Universitäten oder das Vertrauen in die Praxisnähe ihres Forschens. Diese Kluft will das Start-up Telanto mit Sitz in München und Barcelona überwinden. Das von ehemaligen SAP-Managern gegründete Unternehmen verwebt mit seinem „Academic Business Network“ Universitäten und Firmen. 

Unternehmen, die ein Problem zu lösen haben, können auf der Telanto-Webseite einen „Call for Solutions“ platzieren. Beim Blick auf die Webseite überrascht das breite Spektrum der aktuell zur Bearbeitung ausgeschriebenen Aufgaben: Es reicht vom Klassiker, der Erarbeitung einer Internationalisierungsstrategie, bis zu außergewöhnlichen Aufgaben wie die „Erhöhung der Akzeptanz in Kommunen für erneuerbare Energien“ und die „Tiergesundheit in Zentral-Molkereien". Letztere „Challenge“ ist übrigens mit einem Tiger-Bild illustriert, was einen eher unorthodoxen Lösungsansatz bedingen könnte.

Fakultäten oder Professoren der unterschiedlichsten Fachrichtungen, die für ihre Studenten eine Praxisaufgabe suchen, können sich als Problemlöser bewerben. Umgekehrt können sie aber auch selbst „Calls for Challenges“ ausschreiben, wenn sie für ihre Studenten eine Praxisaufgabe aus Unternehmen im Rahmen eines akademischen Kurses suchen.

„Die Studierenden sammeln so praktische Erfahrungen, die nicht für die Ausbildung konstruiert wurden, sondern aus der Unternehmensrealität stammen“, betont Telanto in einer Unternehmensmitteilung. Und auch die Unternehmen profitieren nicht nur von den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und studentischem Elan. Vielmehr lernen sie über die Projekte auch gleich vielversprechende „Young Potentials“ kennen und sparen sich die mühsame Suche nach neuen Mitarbeitern. Der Weg für weitere Innovationen ist damit geebnet.

Autor

Sven Kamerar ist der Leiter der Unternehmenskommunikation bei compamedia.

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Kommentare

Wolfgang Schuhmann 29. September 2016 11:19 Uhr

Hallo und guten Tag, die positiven Verbindungen von Universität und Mittelstand erleben wir in unsren Projekt auch auf eine anderer Art. Studierende haben heute andere Anforderungen an Ihre UNI oder UNI- Bibliothek. Wir haben neben einigen Unternehmen auch die UB in Freiburg im Inneren mitgestaltet. Die Ansprüche an den intelligent gestalteten Raum tragen Studierende heute auch in die Unternehmen und die Guten der UNI suchen sich die Guten der Unternehmen. Gut wenn man da zu den TOP 100 gehört. Sonnige Grüße aus dem Süden Wolfgang Schuhmann

Sven Kamerar 05. Oktober 2016 16:54 Uhr

Hallo, lieber Herr Schuhmann,mit der Uni-Bibliothek in Freiburg ist Ihnen fürwahr ein Meisterstück gelungen. Glückwunsch dazu. Viele GrüßeSven Kamerarcompamedia GmbH

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