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© Jörg Bluhm

TOP 100-Elitezirkel: Medien und Musik in Hamburg

04. April 2019 Sven Kamerar Lesedauer 6 Minuten

Spannende Hintergrundgespräche in drei Chefredaktionen und ungewöhnliche Einblicke in die Entstehung und Vermarktung der Elbphilharmonie – das waren die Highlights des TOP 100-Elitezirkels in Hamburg. Dabei spielte besonders eine Zahl eine Rolle: 4.765.

Seit Jahrhunderten versteht es die Freie und Hansestadt Hamburg, ihre Stellung als „Tor zur Welt“ durch alle gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technologischen Epochen hindurch immer wieder zu erneuern – und das über ihre internationale Bedeutung als Hafen hinaus. Jüngste Beispiele dafür sind Hamburgs Entwicklung als Medienstandort und der inzwischen schon als epochal zu bezeichnende Bau der Elbphilharmonie.

Der diesjährige TOP 100-Elitezirkel bot 30 Top-Innovatoren die Gelegenheit, in exklusiven Gesprächen mehr darüber zu erfahren. Den Auftakt bildete ein Besuch bei dem langjährigen Chefredakteur und heutigen Herausgeber des Wirtschaftsmagazins impulse , Dr. Nikolaus Förster.

Immer für eine ungewöhnliche Idee gut: Herausgeber Dr. Nikolaus Förster (außen rechts) verabschiedete sich aus Kostengründen von Freiexemplaren und Kioskverkäufen und senkte die Auflage radikal von über 70.000 auf 12.500 (vollbezahlte) Abo-Exemplare. © Sven Kamerar

Mutiger Disruptor der Verlagsbranche

Förster übernahm 2013 kurzentschlossen und mit einem gehörigen Schuss Verwegenheit das Magazin im Rahmen eines Management-Buyouts vom Gruner+Jahr-Verlag. Und war dann auf einmal nicht „nur“ Journalist, sondern auch Verleger und damit mittelständischer Unternehmer. Freunde und Beobachter in der Branche senkten den Daumen: Das würde nicht gutgehen.

Aber Förster, der Mitglied der TOP 100-Jury ist, krempelte das Geschäft auf Links und nahm Abschied von alten Traditionen im Verlagsgeschäft: Kochtopfsets als Abo-Prämien? Niemals! Bordexemplare, um die Auflage zu pushen? Machen wir nicht! Anonyme Call-Center, die Kunden betreuen? Auf keinen Fall! Schriller Journalismus ohne praktischen Nutzwert für die Leser? Gott bewahre!

Mit einem begeisternden Vortrag riss Förster seine Gäste mit. Schließlich haben viele heute erfolgreiche Top-Innovatoren in ihren Branchen in ähnlicher Weise an Althergebrachtem gerüttelt und gegen die unterschiedlichsten Widerstände den Weg zum Erfolg gefunden.

Auch Förster, der bei den Heftinhalten auf „Nutzwert pur für Unternehmer“ setzt und mit Hinweis darauf selbstbewusst die Preise in mehreren Schritten erhöhte , schreibt mit seiner Mannschaft inzwischen schwarze Zahlen. 

Für den Besucher einschüchternd oder überwältigend? Das Atrium des neuen SPIEGEL-Gebäudes, in das die Redaktionen von SPIEGEL und manager magazin 2011 zogen. © Jörg Bluhm

Wahrheit in Zeiten der Lüge

Weiter ging’s für die Top-Innovatoren in das eindrucksvolle, 2011 bezogene Gebäude des SPIEGEL-Verlags mit seinem monumentalen Atrium. Hier hatte der Chefredakteur des manager magazins, Martin Noé, zum Hintergrundgespräch geladen. Wie impulse, ist auch das manager magazin Medienpartner von TOP 100.

Noé ist ein Urgestein des investigativen Journalismus: Seit 2004 war er stellvertretender Chefredakteur des Magazins, bevor er im Dezember letzten Jahres zusammen mit Sven Oliver Clausen die Leitung der Redaktion übernahm, als Steffen Klusmann zum SPIEGEL wechselte. Zugleich zog er für Klusmann in die TOP 100-Jury ein.

Stets ein offenes Ohr für gute Geschichten: Martin Noé sprach mit der ganzen Erfahrung eines langjährigen Investigativ-Journalisten über den Umgang mit Informanten und Informationen. © Jörg Bluhm

Mit gebotener Diskretion berichtete Noé von den Mechanismen des investigativen Journalismus und hob den Zuschnitt der Geschichten im Heft auf Entscheider und Macher in den Unternehmen hervor. Schließlich seien sie es, die mit ihrem Handeln die Wirtschaft bewegten.

Die Wege zu den Geschichten sind dabei sehr unterschiedlich. Aber im Zentrum steht jeweils eine grundlegende Herausforderung: Informationen im Zeitalter von Fake News und digitalen Desinformationskampagnen zu validieren und zu entscheiden, welchen Gesprächspartnern zu trauen ist. Zwar scheint inzwischen die Gegenprüfung von Quellen gerade bei Online-Medien in Vergessenheit geraten zu sein, beim manager magazin ist sie jedoch noch immer unverzichtbarer Grundsatz.

Mammutaufgabe für Steffen Klusmann

Was die Validierung von Informationen betrifft, genoss die Dokumentationsabteilung des SPIEGEL lange Zeit einen mythischen Ruf in den Medienbranche. Entsprechend groß war die Verwunderung - und an vielen Stellen auch Häme -, als die Redaktion über die gefälschten Geschichten eines vormaligen Journalisten-Preis-Sammlers aus ihren Reihen informierte. 

Der Sturm brach genau zu jenem Zeitpunkt los, als Steffen Klusmann sein Amt als neuer Chefredakteur des Nachrichtenmagazins antrat. Zuvor war er mehr als fünf Jahre Chefredakteur des manager magazins gewesen. Mit bewundernswerter Klarheit und journalistischer Haltung schilderte Klusmann den Top-Innovatoren die Lehren, die die Redaktion aus diesen Verfehlungen gezogen hat.

Die unerwartete Affäre band, das darf man getrost annehmen, sehr viel Aufmerksamkeit und Ressourcen Klusmanns, der eigentlich eine andere Aufgabe mit Prio 1 zu verfolgen hatte: die bessere Vernetzung von Print- und Online-Redaktion, sowohl redaktionell als auch organisatorisch. Wer die Verhältnisse früher an der Brandstwiete und heute an der Ericusspitze verfolgt, weiß um die titanische Dimension, die dieses Vorhaben einnimmt.

Klusmann lieferte im Gespräch auch einen Ausblick auf die Zukunft des Print-Journalismus im Zeitalter der Digitalisierung. Für einige wenige Qualitätsmedien sieht er, ähnlich wie übrigens Förster und Noé, gute Chancen, aber zugleich das nahende Ende der meisten Tageszeitungen, gerade lokal und regional. In den USA sei diese Entwicklung schon in vollem Gange, wie Klusmann mit Zahlen belegte. Ohne neue journalistische Geschäftsmodelle und eine intelligente Verknüpfung von Print und Web dürfte nach Meinung aller Gesprächspartner ein Überleben grundsätzlich nicht möglich sein.

Kluger Kopf mit Weitsicht und Gelassenheit – und mit monumentalen Aufgaben: SPIEGEL-Chefredakteur Steffen Klusmann beim Gespräch mit den TOP 100.© Jörg Bluhm

Eine unerwartete Erfolgsgeschichte

Wie mühsam der Weg zu einer am Markt erfolgreichen Innovation sein kann, wissen die meisten der TOP 100. Und sie bekamen am Nachmittag des Elitezirkels einen eindrucksvollen Bericht darüber, wie sich ein holpriger Start binnen kürzester Zeit in einen rauschenden Erfolg wandeln kann: beim Besuch der Hamburger Elbphilharmonie.

Die langjährige Marketingleiterin Melanie Kämpermann schilderte den Top-Innovatoren in einem eindrucksvollen Vortrag, wie sie gemeinsam mit anderen Verantwortlichen und Agenturen schon früh den Grundstein für den späteren Erfolg legte, zu einer Zeit, als in der breiten Öffentlichkeit noch über Verzögerungen und Baukosten gesprochen wurde.

So organisierten sie schon im Rohbau Konzerte, um den Appetit auf spätere Veranstaltungen anzuregen, und definierten drei klare Botschaften der Kommunikationsstrategie bzw. des angestrebten Images: Die Elbphilharmonie sollte ein offenes Haus für alle Menschen werden, auch für Kinder und Familien; sie strebt mit ihrem Programm die Qualitätsführerschaft an und sie beeindruckt mit ihrer spektakulären Architektur in einzigartiger Lage. In Summe schaffte es die „Elphi“ damit in kürzester Zeit in die erste Reihe internationaler Kulturstätten und wurde zugleich zu einem touristischen Wahrzeichen erster Güte.

Liebevoll und aus einem Guss bis ins kleinste Detail: Die Hamburger Elbphilharmonie beeindruckte die Besucher mit ihrer Architektur und den Erfolgszahlen seit der Eröffnung. © Sven Kamerar

Wie begeistert die Resonanz seit der Eröffnung ausfiel, illustrierte Kämpermann anhand von Zahlen, die alle vorherigen Erwartungen des Hauses und von Beobachtern übertrafen – und zu Geduld und Glück beim Erwerb von Tickets führten. Die Top-Innovatoren konnten sich glücklich schätzen: Sie durften während einer Orgelprobe in den Großen Saal und für einige Minuten äußerst experimentellen Klängen lauschen.

Schon die Orgel an sich ist übrigens ein Wahrzeichen für sich: 45 Spezialisten bauten sie in 25.000 Arbeitsstunden und statteten sie mit sage und schreibe 4.765 Pfeifen aus – eine Zahl, die nicht nur die Besucher beeindruckte, sondern die sich nach eigenem Bekenntnis auch als Lieblingszahl der kompetenten und freundlichen Führerin erwies, die uns durch das Gebäude geleitete.

Am Ende des informativen und unterhaltsamen Tages, den die TOP 100 auch zum intensiven Netzwerken untereinander nutzten, fiel es nicht wenigen Teilnehmern schwer, sich festzulegen, welches der Höhepunkt gewesen war – zu vielfältig und faszinierend waren die Eindrücke, die sie aus jedem der Gespräche mitgenommen hatten.

Autor

Sven Kamerar ist der Leiter der Unternehmenskommunikation bei compamedia. Unter @SKamerar twittert er über alle Themen rund um TOP 100.

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