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Soziale Innovationen machen zukunftsfähig

06. Juli 2017 Marcus Dischinger Lesedauer 4 Minuten

Was ist denn nun wichtiger für ein Unternehmen: Die Entwicklung einer noch besseren Virtual Reality-Brille und deren Vermarktung oder die Übernahme sozialer Verantwortung? Oder beides zusammen? Der Begriff „Soziale Innovation“ richtet den Fokus von Unternehmen möglicherweise völlig neu aus.

Innovation – mit diesem Begriff verbindet sich über lange Jahrzehnte der Gedanke an technischen Fortschritt und Entwicklung. Fortschritte und Entwicklungen, die die Menschheit prägen und verändern. Immer schneller und besser soll alles werden. Michael Lind, der amerikanische Publizist und Mit-Herausgeber von „Politico“, sieht das ganz anders. Aus seiner Sicht leben wir in einem „Boring Age“, also in einem langweiligen Zeitalter.

Ein altes Handy liegt neben einem Smartphone auf dem Tisch
2007 revolutionierte das iPhone die mobile Kommunikation – doch seitdem stagniert die Entwicklung. So wird bereits die Einführung kabelloser Ohrstöpsel zur „bahnbrechenden“ Neuerung. (©kroppek_pl / pixabay.com)

Noch mehr: Man sei mit den technischen Entwicklungen in einer Periode der Stagnation angekommen. Die Gadgets der Informationstechnik hätten nicht im Geringsten den transformativen Effekt wie das elektrische Licht vor einem Jahrhundert, der Kühlschrank, Gasöfen oder die Kanalisation. Der Technologiehistoriker David Edgerton diagnostiziert in seinem Buch „The Shock of the Old“ eine „technologische Amnesie“.

Es sind Äußerungen, die deutlich machen, es gibt eine Abkehr von einer viele Jahre andauernden bedingungslosen Technik- und Fortschrittsgläubigkeit. Gleichzeitig stellen die Forscher fest, dass andere Formen der Innovation möglicherweise hilfreicher für eine gute gesellschaftliche Entwicklung sein könnten, als die nächste behauptete technische Revolution. Aus ihrer Sicht können „Soziale Innovationen“ der neue Treiber sein.

Im deutschen Sprachraum kommt der Ausdruck zum ersten Mal im Jahr 1989 vor. Der Soziologe Wolfgang Zapf sah darin „neue Wege, Ziele zu erreichen, insbesondere neue Organisationsformen,, neue Regulierungen, neue Lebensstile, die die Richtung des sozialen Wandels verändern, Probleme besser lösen als frühere Praktiken, und die es deshalb wert sind, nachgeahmt und institutionalisiert zu werden“.

Ein neues Phänomen sind Soziale Innovationen aber eigentlich nicht. Die Erfindung der modernen Demokratie im 18. Jahrhundert, die Einführung der Sozialversicherungssysteme Ende des 19. Jahrhunderts oder die Erfindung von Genossenschaftsbanken sind nur drei von vielen Ideen, die sich durchgesetzt, Strukturen grundlegend verändert und bis heute Bestand haben.

Volkswirt Muhamad Yunus bei einer Podiumsdiskussion
Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos spricht der promovierte Volkswirt Muhammad Yunus über seine Vorstellung eines sozialen Kapitalismus. (© World Economic Forum / flickr.com)

Auch für Unternehmen sind Soziale Innovationen ein Feld, das immer mehr Bedeutung erhält. Ein noch relativ neues Phänomen ist der Bereich des Social Business, ein Wirtschaftskonzept, das dem Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus zugeschrieben wird. Seine Forderung: Unternehmen sollen als Ziel nicht die Gewinnmaximierung ausgeben, sondern die Lösung sozialer, ökologischer und gesellschaftlicher Probleme. Für Yunus bedeutet das beileibe keine Abkehr von der Wirtschaftsform des Kapitalismus. Der 1940 geborene Wirtschaftswissenschaftler sieht darin vielmehr die Chance, den Kapitalismus zukunftsfähig zu machen.

Die Unternehmerin Marianne Obermüller arbeitet mit an der Verbreitung des Social Business-Gedankens in Deutschland. Vor zehn Jahren verkaufte sie ihr erfolgreiches Unternehmen für Automatisierungstechnik und Robotik und setzte einen Teil des Geldes ein, um etwas völlig Neues aufzubauen. Sie gründete die Genisis Business Innovation (GBI) GmbH und setzt sich heute für soziales Unternehmertum ein. Gleichzeitig ist sie Mitbegründerin des Genisis Institutes for Social Innovation and Impact Strategies in Berlin, wo einmal im Jahr die Leitkonferenz für Social Innovation stattfindet. Zudem ist sie Mitgründerin und Stiftungsrätin der WeQFoundation.

Ein Stück Schokolade
Süße Verführung für einen guten Zweck: Das Projekt „Schokolade hilft immer“ unterstützt soziale Organisationen in ganz Deutschland. (© Schiokoalde hilft immer)

„Innovation 4.0 statt Industrie 4.0“, erklärt sie lachend ihren Ansatz. Doch eigentlich gehört für sie beides zusammen. „Wir brauchen eine Verbindung von digitalen und sozialen Innovationen“, ist sie sich sicher. Die Kombination werde den Erfolg bringen. Eines der Projekte, das Marianne Obermüller über das GBI kreiert hat, heißt „Schokolade hilft immer“. Das Geschäftsmodell: Das Institut verkauft kreativ aufgemachte Schokoladengeschenke, die vor allem im Business-to-Business-Bereich als Kunden- oder Weihnachtsgeschenke gefragt sind. 20 Prozent des Nettoverkaufspreises fließen an ausgewählte Non-Profit-Organisationen im sozialen Bereich. So ist beispielsweise die Aktion „Wünsch Dir was“ des Wohlfahrtswerks Baden-Württemberg ein Partnerprojekt, das vom Verkauf der Schokolade profitiert. Die Schokolade wird in der Schweiz hergestellt und in bayerischen Manufakturen verarbeitet.

Zwei ältere Damen lesen die Wunschzettel
Mit der Aktion „Wünsch Dir was“ erfüllt das Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg Senioren ihre Herzenswünsche. (©Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg)

Die Unternehmerin weiß, dass viele familiengeführte Mittelstandsunternehmen im Bereich „Soziales Unternehmertum“ auf verschiedene Art bereits sehr aktiv sind. Große Aktiengesellschaften und Konzerne würden  allmählich beginnen, sich dafür zu interessieren. Realisieren lasse sich dies mit allen Produkten. „Geben sie nur einen kleinen Teil ihres Gewinns ab, ist es auf einen Schlag mehr, als mehrere kleine Unternehmen mit ihren Aktivitäten zusammenbringen können“. 

Autor

Marcus Dischinger ist seit 2002 freier Journalist in Karlsruhe und arbeitet für verschiedene Zeitungen und Magazine in Deutschland. Er studierte Literaturwissenschaft sowie Neuere und Neueste Geschichte.

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