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Krisen können auch eine Chance sein. Eine empirische Untersuchung zeigt: Die Innovativität der Mitarbeiter und innovationsfördernde Strukturen sind dabei entscheidend.

So wird die Krise zur Chance

26. November 2020 Prof. Dr. Nikolaus Franke Lesedauer 3 Minuten

Das sagt sich leicht: Krisen sind Veränderungen, und Veränderungen können neue unternehmerische Möglichkeiten eröffnen. Aber wie entdeckt und nutzt man diese Chancen? Eine empirische Untersuchung zeigt, welche Faktoren während des ersten Corona-Lockdowns entscheidend waren, um die Krise zu bewältigen.

Eine kleine Geschichte vorweg: BüBa ist ein mittelständisches Büro- und Industriereinigungsunternehmen in Freiburg im Breisgau, das 2019 und 2020 mit dem TOP 100-Innovationspreis ausgezeichnet wurde. Bedingt durch Corona gab es im März 2020 dann fast über Nacht eine riesige Nachfrage nach Desinfektionsmitteln. Unternehmen, Arztpraxen und private Haushalte: Plötzlich wollte alle Welt klein portionierende Spender, um sich die Hände wirksam desinfizieren zu können. Diese Gelegenheit nutzte BüBa in vorbildlicher Weise.

Als Reinigungsdienstleister verfügte das Unternehmen über große Vorräte an Desinfektionsmitteln – es ist sein zentraler „Rohstoff“. Die Pumpspender dagegen fehlten für diesen völlig neuen Markt. Im ersten Schritt wandte BüBa sich an die üblichen Lieferanten. Doch deren Kapazitäten reichten bei weitem nicht aus. Was tun? Druck machen? Abwarten? Sich dem Schicksal fügen? Einem Mitarbeiter fiel eine Lösung ein: Verkaufte nicht auch Ikea Spender? Sofort wurden sämtliche Ikea-Filialen kontaktiert, in ganz Deutschland und auch im angrenzenden Frankreich.

BüBa – im Bild die Firmenzentrale in Freiburg – hat schnell und erfolgreich auf die Coronakrise reagiert. Bild: privat

BüBa kaufte alles, was zu bekommen war. Doch wie kann man die Massen an Spendern von dort schnellstmöglich zur Zentrale zu bringen? Klassische Logistik-Dienstleister waren nicht schnell genug. Erneut ließen sich die Mitarbeiter etwas Neues einfallen und nutzten die Mitfahrzentrale für den Transport. Auch für die Abfüllung und die Auslieferung musste BüBa neue Wege beschreiten – im Grunde wandelte sich das Unternehmen praktisch über Nacht von einem Dienstleistungsunternehmen zu einem erfolgreichen Produktionsbetrieb.

Mitarbeiter und innovationsorientierte Strukturen sind entscheidend

Um dieses Muster systematisch zu untersuchen, haben wir 130 Manager aus dem Umfeld des Instituts für Entrepreneurship und Innovation der Wirtschaftsuniversität Wien befragt, wie sie die Corona-Krise erlebt haben. Der Fall BüBa erscheint dabei prototypisch: Es zeigte sich, dass bei den 130 Unternehmen die bestehenden Lieferanten nur zu 16 Prozent entscheidend für die bisherige unternehmerische Bewältigung der Krise waren. Auch die Kunden (24 Prozent), Kooperationspartner (29 Prozent) und der Staat (20 Prozent) spielten eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Der eindeutige Schlüsselfaktor war mit über 70 Prozent die Innovativität der eigenen Mitarbeiter (Mehrfachnennungen möglich). Ihre Kreativität, ihr Einsatz und ihr Entrepreneurship-Spirit waren entscheidend für den Erfolg.

Unsere umfangreiche Untersuchung bestätigt auch die Bedeutung von agilen und innovationsorientierten Strukturen. Gefragt nach den wichtigsten Lehren aus der Corona-Krise war dieser Faktor mit 66 Prozent der Antworten der mit Abstand wichtigste, weit vor Investitionen in IT (27 Prozent). Flache Hierarchien, Dezentralisierung und eine schnelle, lernorientierte und flexible Gestaltung von Prozessen ermöglichen es, sich verändernden Umweltbedingungen so anzupassen, dass eine Krise tatsächlich als Chance wahrgenommen werden kann. 

Aus der hohen Bedeutung der Mitarbeiter und innovationsorientierter Strukturen folgt zweierlei: 

1. Die Unternehmen sollten weiter in die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter investieren. Sie sind die Initiatoren und Treiber von Anpassungsreaktionen – oder eben diejenigen, die das verhindern.

2. Um dieses Potenzial zur Entfaltung zu bringen, braucht es agile und innovationsorientierte Strukturen. Kommen diese Faktoren zusammen, können Unternehmen die Krise tatsächlich als unternehmerische Chance nutzen. 

In unserer Studie haben 91 Prozent der Unternehmen neue Geschäftsmöglichkeiten identifiziert und knapp jedes zehnte sogar drastisch neue Möglichkeiten mit klarem Disruptionspotenzial entwickelt.

Autor

Prof. Dr. Nikolaus Franke ist Leiter des Instituts für Entrepreneurship und Innovation der Wirtschaftsuniversität Wien, des WU Gründungszentrums und der User Innovation Research Initiative an der WU Wien sowie Akademischer Leiter des „Professional MBA Entrepreneurship & Innovation“, der gemeinsam mit der TU Wien und der WU Executive Academy angeboten wird. Ferner war Franke Gastforscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und fungiert als wissenschaftlicher Leiter des Innovationswettbewerbs TOP 100.

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