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02. März 2017 Pascal Simon Lesedauer 4 Minuten

Das Smart Home spaltet die Gemüter. Während Technik-Fans ihr Zuhause digital aufrüsten und sogar Ihren Kühlschrank mit dem Internet verbinden, verweisen Verbraucherschützer gebetsmühlenartig auf Sicherheitslücken und den drohenden Kontrollverlust. Über die Gratwanderung zwischen Fortschritt und Datenschutz.

Seit Februar bietet der amerikanische Versandriese Amazon seinen Lautsprecher „Echo“ in Deutschland im freien Verkauf an. Wobei „Lautsprecher“ ziemlich untertrieben ist – denn mit „Echo“ hält die künstliche Intelligenz Einzug in den Massenmarkt. Die nur 23,5 cm hohe Säule wird über Sprache gesteuert. Auf Zuruf liefert „Alexa“ – so der Name von Amazons Assistenz-Software – Informationen über das Wetter, bevorstehende Termine oder die aktuelle Verkehrslage. Und natürlich kann Alexa auch Online-Bestellungen über Amazon abwickeln.

Geringe Verbrauchskosten dank hoher Ressourceneffizienz

Heizung, Licht, Jalousien - Tablet oder Smartphone werden zur Schaltzentrale für die eigenen vier Wände.

Der Erfolg von „Echo“ zeigt: die Digitalisierung ist längst auch in den eigenen vier Wänden angekommen. Auch die Bau- und IT-Branche treiben den Trend zum „Smart Home“ voran: Die Top-Innovatoren Fertighaus WEISS  und Elgato Systems etwa bieten ihren Kunden die Möglichkeit, Heizung und Beleuchtung bequem übers Smartphone zu steuern. Wer also vergisst, beim Verlassen des Hauses das Licht zu löschen oder die Heizung auszuschalten, kann dies von unterwegs aus nachholen. Intelligente Stromzähler liefern darüber hinaus detaillierte Verbrauchsdaten einzelner Geräte – so werden die größten Stromfresser im Haushalt ausfindig gemacht.

Im Fokus der meisten „Smart Home“-Anwendungen steht der effiziente Ressourceneinsatz. Und tatsächlich bedeutet die punktgenaue und bedarfsgerechte Steuerung von Licht und Heizung für viele Nutzer auch eine erhebliche Kostenersparnis. Doch daneben spielt auch Sicherheit eine große Rolle. Seit Januar vertreibt die amerikanische Google-Tochter "Nest" ihre intelligenten Rauchmelder mit Kohlenmonoxid-Sensor sowie Sicherheitskameras für den Privatgebrauch auch in Deutschland. Die Kameras senden ihre Aufzeichnungen direkt in die Cloud, wo das Material mit Hilfe einer Gesichtserkennungssoftware analysiert wird. Erkennt die KI auf den Bildern ein fremdes Gesicht, erhält der Nutzer eine Warnung auf sein Smartphone.

Das intelligenteste Gebäude der Welt

In den Niederlanden lässt sich besichtigen, wie weit die Entwicklung vernetzter Gebäude bereits fortgeschritten ist. 2015 bezog die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte in Amsterdam eines der modernsten Bürogebäude der Welt. „The Edge“ gilt als Paradebeispiel für die perfekte Symbiose aus nachhaltiger Architektur und intelligenter Technik.

Auf der gesamten Nutzfläche von 40.000 Quadratmetern sind ebenso viele Sensoren verteilt, die das Verhalten der Angestellten aufzeichnen um deren Vorlieben kennenzulernen. Informationen zu Temperatur- und Helligkeitsempfinden werden ebenso auf einer Smartphone-App gespeichert wie die Präferenzen für die tägliche Tasse Kaffee. So findet jeder Angestellte in dem nach dem „hot desking“ Prinzip ohne feste Sitzzuteilung organisierten Komplex immer einen optimal auf ihn abgestimmten Arbeitsplatz. 

Darüber hinaus kennt das System den Terminkalender jedes Angestellten und berechnet daraus die tägliche Gebäudeauslastung. Sind weniger Mitarbeiter im Haus als Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, werden bestimmte Bereiche des Gebäudes ganz automatisch geschlossen – das reduziert die Kosten für Beleuchtung, Klimatisierung und Reinigung.

Privatsphäre im Büro?

Bei aller Begeisterung zeigt das Beispiel „The Edge“ jedoch auch deutlich, wo die Risiken des „Smart Home“-Trends liegen. Denn tatsächlich grenzt das Vorgehen von Deloitte an eine Totalüberwachung der Mitarbeiter. Diese werden in dem Moment erfasst, da sie mit ihrem Auto in die Tiefgarage fahren und die Gebäude-App sie zu einem freien Parkplatz führt. Sogar die Toilettengänge werden registriert – so weiß das Reinigungspersonal, wann welche Räume geputzt werden müssen.

In den eigenen vier Wänden ist der Trade-off zwischen Effizienz und Komfort auf der einen und dem Schutz der Privatsphäre auf der anderen Seite dagegen deutlich geringer ausgeprägt. Immerhin entscheidet jeder selbst, welche Gadgets genutzt und welche Geräte mit dem Internet verbunden werden. Dabei sollten sich Verbraucher darüber im Klaren sein, dass jede zusätzliche Schnittstelle zum Internet ein potenzielles Einfallstor für Hackerangriffe darstellt.

Kameras werden zu Spionen

Viele Webcams sind günstig und leicht montiert. Doch Vorsicht: Wer seine Kameras nicht ausreichend vor Hackerangriffen schützt, wird vom Überwacher selbst zum Überwachten.

Wie real diese Gefahr ist, zeigt ein Vorfall aus dem November letzten Jahres. Damals fielen auf einen Schlag deutschlandweit 900.000 Telekom-Router aus. Unbekannte hatten versucht, die Geräte mit einer Schadsoftware zu infizieren. Neben Routern werden gerade private Überwachungskameras und Webcams häufig zum Ziel von Hackern– ohne, dass deren Besitzer dies merken. In einigen Fällen senden private Kameras ihre Bilder sogar völlig frei ins Netz. Über spezielle Suchmaschinen wie „Shodan“ erhält der findige Nutzer innerhalb weniger Klicks Zugriff auf eine Vielzahl dieser ungeschützten Kameras.

Glücklicherweise ist es nicht allzu schwer, sich gegen solche Unannehmlichkeiten zu wappnen. Wer seine Kamera oder Webcam vor dem Zugriff ungebetener Gäste schützen will, braucht bei der Einrichtung oftmals nur ein starkes individuelles Passwort zu vergeben. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass viele Nutzer genau dies nicht tun.

Das digitale Zeitalter setzt auf Eigenverantwortung.

Die Sicherheitslücken der verschiedenen Gadgets sollten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Trend zum „Smart Home“ mit intelligenten Heiz- und Beleuchtungssystemen kaum aufzuhalten ist. Eine Prognose des Statistikportals statista geht davon aus, dass bis 2020 2,4 Millionen Haushalte mit Smart Home-Anwendungen ausgestattet sein werden. Zum Vergleich: Ende 2015 lag die Zahl noch bei 300.000.

Aus den steigenden Anwenderzahlen ergibt sich letztlich die Notwendigkeit nach internationalen Sicherheitsstandards für die verschiedenen Smart Home-Gadgets. Die Politik sieht hier jedoch noch keinen konkreten Handlungsbedarf, wie Justizminister Heiko Maas vor einigen Wochen am Rande einer gemeinsamen Konferenz mit dem Digitalverband bitkom zu Protokoll gab. Es bleibt also vorerst dabei: Wer sich Amazons „Echo“ ins Wohnzimmer stellt, muss selbst dafür sorgen, dass niemand von außen mithört. 

Autor

Pascal Simon ist Redaktionsleiter des TOP 100-Blogs und PR-Berater bei compamedia

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