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Cartoon: Frau mit Smartphone vor dem Gesicht

Sind wir süchtig?

08. März 2018 Pascal Simon Lesedauer 4 Minuten

Sie vergleichen Facebook und Snapchat mit Heroin, beklagen die Abhängigkeit von Apps und Smartphones und schicken ihre Kinder auf Schulen ohne moderne Technik – immer mehr prominente Techies aus dem Silicon Valley distanzieren sich von ihrer Branche und warnen vor Social Media und Co. Was ist da los?

Ob seinen Kindern das neue iPad denn gefiele, fragte der New York Times-Journalist Nick Bilton Apple-Gründer Steve Jobs in einem Interview. Man schrieb das Jahr 2010 und das iPad war die Tech-Innovation schlechthin. „Nein“, antwortete Jobs trocken, „Sie haben es noch nicht benutzt. Wir begrenzen die Zeit, die unsere Kinder zuhause mit Technologie verbringen.“ Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die „Kinder“ allerdings schon im Teenageralter.

Zugegeben, dass der asketische Jobs auch seinem Nachwuchs strenge Regeln auferlegte, kann nicht wirklich verwundern. Dass er seinen Kindern die neueste Erfindung seines Unternehmens jedoch komplett vorenthielt, während er sie dem Rest der Welt gleichzeitig voller Überschwang anpries, macht dann doch ein wenig stutzig.

Mittlerweile macht Jobs‘ Vorbild im Silicon Valley Schule. So engagiert die Angestellten von Apple und Co. an neuen digitalen Produkten und Services feilen, so sehr sind sie darauf bedacht, ihre Kinder von eben jenen Angeboten fernzuhalten. Zur Riege der sogenannten „Low-Tech Parents“ zählt im Übrigen auch Jobs‘ Nachfolger Tim Cook. Dieser gab kürzlich im britischen Guardian zu Protokoll, er wünsche nicht, dass sein Neffe soziale Medien nutze.

Facebook-Berater und -Investor Sean Parker
Kennt sich aus mit Internet-Start-ups: Bevor er als Berater zu Facebook stieß war Sean Parker u.a. an der Gründung der Musikplattform Napster beteiligt. Später investierte er 15 Millionen US-Dollar in den Streamingdienst Spotify. (© Amager / wikimedia)

Der Kampf um Aufmerksamkeit

Tatsächlich geraten die sozialen Medien derzeit immer stärker ins Visier der öffentlichen Kritik. Sean Parker, ehemaliger Gründungspräsident und Großaktionär von Facebook, bezeichnet sich selbst mittlerweile als „gewissenhaften Verweigerer“ sozialer Medien. Mit dem amerikanischen Newsportal Axios sprach er im vergangenen Jahr über die Anfangszeit von Facebook. Dabei sei es vor allem darum gegangen, die Plattform so zu entwickeln, dass die Nutzer Facebook möglichst viel von ihrer Zeit und Aufmerksamkeit widmen.

Dahinter steht ein einfaches Kalkül: Je mehr Zeit ein Nutzer auf der Seite verbringt und je mehr er dort interagiert, desto mehr Informationen gewinnt Facebook über ihn und desto mehr Werbeanzeigen werden ausgespielt. Aus diesem Grund suchen alle Netzwerke, egal ob Facebook, Twitter oder Snapchat permanent die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer. Das überfordert nicht nur Minderjährige, sondern zuweilen auch die Elterngeneration.

Justin Rosenstein
Der Erfinder des Like-Buttons bereut seine Erfindung. Justin Rosenstein ist einer der prominentesten Kritiker der aktuellen Entwicklungen bei seinem ehemaligen Arbeitgeber. (© TechCrunch / wikimedia)

„Alle sind abgelenkt. Immer.“

Der „Like-Button“ war eines der ersten Instrumente, mit denen Facebook seine Nutzer an sich binden und mehr Interaktionen generieren konnte. Verantwortlich für dessen technische Entwicklung und Umsetzung war Justin Rosenstein. Mit seiner Vita ist Rosenstein so etwas wie der Prototyp des jungen Silicon-Valley-Techies: Uni-Abschluss in Stanford mit 20, danach drei Jahre bei Google, ehe er 2007 zu Facebook wechselte, wo er eng mit den Gründern Mark Zuckerberg und Dustin Moskovitz zusammenarbeitete.

Obwohl Rosenstein einen Großteil seines heutigen Reichtums seiner Zeit bei Facebook zu verdanken hat (man bezahlte ihn mit Unternehmensaktien), zählt er heute zu den schärfsten Kritikern des Netzwerks. „Alle sind abgelenkt. Immer“, beschrieb er kürzlich im Guardian den Effekt übermäßiger Social-Media-Nutzung. Zu seiner Vergangenheit bei Facebook sagte er: „Es ist ganz normal, dass Menschen Dinge mit den besten Absichten entwickeln, die dann später unerwartete negative Konsequenzen nach sich ziehen.“ Mittlerweile hat Rosenstein sämtliche soziale Netzwerke aus seinem Leben verbannt. Sein Smartphone hat er mit einer Kindersicherung versehen, die den Download der entsprechenden Apps blockiert.

Die Liste der Kritiker aus dem Silicon-Valley-Kosmos lässt sich beliebig fortsetzen. Da ist beispielsweise der Investor Roger McNamee, der früher als eine Art „Mentor“ von Mark Zuckerberg galt und gewaltige Summe in dessen Netzwerk investierte. Oder Tristan Harris, ehemals bei Google beschäftigt, dessen Auftritte in amerikanischen Talkshows oder bei den TED-Talks für Aufsehen sorgen.

Snapstreaks, Autoplay und Pushmeldungen – Tristan Harris erklärt, mit welchen Mechanismen soziale Medien versuchen, uns in ihren Bann zu schlagen.

Viel Lärm um Nichts?

Inhaltlich sind sich die Kritiker einig: Demnach entfalten die Dienste von Google, Facebook und Co. ein enormes Suchtpotenzial gegenüber ihren Nutzern. Permanente und aggressive Werbung um Aufmerksamkeit locke die Nutzer in eine Art emotionales Abhängigkeitsverhältnis.

Zugegeben, auf den ersten Blick klingt diese These doch sehr nach konservativem Alarmismus. Dass sie jedoch genau von denjenigen vertreten wird, die selbst federführend an der Konstruktion der beklagten Mechanismen mitgewirkt und dadurch ein beträchtliches Vermögen angehäuft haben, lässt aufhorchen. Und auch die eingangs erwähnten Steve Jobs und Tim Cook stehen nun wahrlich nicht im Verdacht, fortschrittsfeindlich zu sein.

Letztlich ist es – wie so oft – eine Frage nach dem richtigen Maß. Es spricht sicher nichts gegen die Nutzung sozialer Medien und ähnlicher Dienste, solange man sich deren Einfluss auf das eigene Verhalten bewusst ist – und sich diesem bei Bedarf entzieht. Beispielsweise durch deaktivieren von Pushmeldungen für bestimmte Apps oder einfach durch das Ausschalten von Smartphone und Tablet ab einer bestimmten Uhrzeit.

Autor

Pascal Simon ist Redaktionsleiter des TOP 100-Blogs und PR-Berater bei compamedia

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