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Produktionslinie in Autofabrik

Sind Sie im Jahr 2030 Entrepreneur oder arbeitslos?

11. April 2018 Prof. Dr. Nikolaus Franke Lesedauer 4 Minuten

Viele Menschen fragen sich: Wie können wir uns und unsere Kinder vor den negativen Folgen auf dem Arbeitsmarkt schützen, die durch die Digitalisierung, Robotik und künstliche Intelligenz zu erwarten sind? Schon wird der Ruf nach Verboten laut. Dabei liegt die Verantwortung auch bei jedem Einzelnen.

Verschiedene Studien analysieren die Auswirkungen der technologischen Fortschritte in den Bereichen Digitalisierung, Robotik und künstliche Intelligenz auf den Arbeitsmarkt. Das größte Echo löste sicherlich die gemeinsame Studie des Ökonomen Carl Benedikt Frey und des Informatikers Michael Osborne aus dem Jahr 2013 aus. Die Wissenschaftler ermitteln darin, dass 47 Prozent der Arbeitsplätze in entwickelten Volkswirtschaften wie den USA mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten Jahren der Automatisierung zum Opfer fallen könnten. Die genauen Zahlen der Prognosen unterscheiden sich, doch über die Richtung besteht Einigkeit: Dramatische Änderungen stehen unmittelbar bevor.

Streit zwischen Roboter und Büroangestelltem
Mensch vs. Maschine: Die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz bringt diesen Konkurrenzkampf von der Fabrik ins Büro. (© PrettyVectors / fotolia.com)

Ähnlich wie in der Zeit der sogenannten industriellen Revolution im 19. Jahrhundert ist die treibende Kraft die Technologie. Damals war es körperliche Arbeit, die durch Maschinen ersetzt wurde. Heute und in Zukunft sind es lernende Algorithmen, die Büroarbeiten und Dienstleistungen besser, schneller und weniger fehleranfällig ausüben können als der Mensch.

Maschinenstürmen? Verbieten? Resignieren?

Im 19. Jahrhundert versuchten die Arbeiter, die Wirkung der Mechanisierung aufzuhalten, indem sie neu errichtete Fabriken zerstörten. Es hat schon damals nichts geholfen. Außerdem ist es wesentlich schwerer, gegen in Clouds gespeicherte nicht körperliche Algorithmen vorzugehen als gegen Maschinen zu stürmen.

Die Große Koalition präsentiert den Koalitionsvertrag
Für die Bundesregierung ist klar: es braucht einen Regulierungsrahmen für den Einsatz künstlicher Intelligenz. Noch in dieser Legislaturperiode wollen die Koalitionäre einen „Masterplan“ dazu entwickeln. (©Sandro Halank, Wikimedia Commons)

Ein anderer Weg sind gesetzliche Verbote. In den USA wären beispielsweise über die Hälfte der Bevölkerung für eine Beschränkung des Anteils an Jobs, die durch Automatisierung ersetzt werden dürfen. Auch hierzulande finden sich Stimmen, die derartige Maßnahmen fordern. Sie werden sich nicht durchsetzen, denn mit derartigen Maßnahmen senkt man nicht nur die nationale Wettbewerbsfähigkeit – für eine Exportnation wie Deutschland eine tödliche Entscheidung –, sondern man verzichtet auch auf Wohlstand. Denn wenn Maschinen die Arbeit verrichten, bekommt der Mensch für die gleiche Menge an Arbeit mehr und bessere Produkte und Dienstleistungen.

Im Ganzen ist diese Entwicklung also segensreich. Was aber ist mit den Einzelnen? Wie sorgt man dafür, dass sie nicht zum Opfer dieser Entwicklung werden?

Die richtige Konsequenz: Entrepreneurship

Algorithmen können nicht alle Tätigkeiten gleich gut ersetzen. Am mächtigsten sind sie dann, wenn regelmäßige und einfache Muster vorherrschen. Solche Routinen kann man etwa durch neuronale Netze abbilden und mit hoher Perfektion reproduzieren. Die Arbeit kann dann durch einen Automatismus ersetzt werden. Am anderen Ende der Skala sind Verrichtungen, bei denen Dinge neu kombiniert oder erstmals erfunden, neue Wege identifiziert und Gelegenheiten erkannt werden müssen, die andere noch nicht sehen. Muster aus der Vergangenheit gibt es hier definitionsgemäß nicht oder nur in sehr eingeschränktem Ausmaß. Mit einem Wort: Innovation ist der Schlüsselbereich und Entrepreneur als ihr Treiber entsprechend der Beruf der Zukunft.

Selbstverständlich heißt das nicht, dass wir alle Unternehmer im juristischen Sinne des Wortes werden, also Gründer und Eigentümer von Unternehmen, obwohl auch dieser Beruf weiter an Bedeutung gewinnen wird. Es bedeutet vielmehr, dass alle Berufe mit einer unternehmerischen Komponente an Bedeutung gewinnen werden und umgekehrt in allen Berufen die unternehmerische Komponente an Bedeutung gewinnt.

Mann und Frau arbeiten gemeinsam am Laptop
Im digitalen Zeitalter sind Entrepreneure besonders gefragt: Denn die Entwicklung innovativer Produkte und Geschäftsmodelle gelingt nicht allein durch künstliche Intelligenz. (© FotolEdhar / fotolia.com)

Entrepreneurship heißt Kreativität, Initiative, Verantwortung, Bereitschaft zur Übernahme von Risiken, Findigkeit und Beharrlichkeit bei der Verwirklichung und Durchsetzung. Es ist auch bei Angestellten wichtig, bei Beschäftigten in Unternehmen, der öffentlichen Verwaltung, in der Politik, in der Wissenschaft und in der Bildung. Entrepreneurship ist und bleibt die Domäne des Menschen.

Die Revolution hat längst begonnen

All das ist keine Zukunftsmusik. Die Veränderungen sind längst da. Die Analysen der Ökonomen Maarten Goos und Alan Manning zeigen beispielsweise, wie sehr es bereits jetzt Verlierer und Gewinner auf dem Arbeitsmarkt gibt und wie groß die Probleme für diejenigen sind, die sich an diese Entwicklungen nicht anpassen können oder wollen.

Für die Politik ist das eine große Herausforderung. Entscheidend wird das Handlungsfeld der Bildung sein. Vor allem sind Investitionen in den Bereich Entrepreneurship und Innovation nötig. Für den Einzelnen gilt das erst recht: die beste Arbeitslosenversicherung ist die Entwicklung und das Trainieren von unternehmerischem Denken und Handeln.

 

Quellenhinweis

Der Beitrag erschien ursprünglich in der Januar-Ausgabe des Newsletters „Entrepreneurship & Innovation Insights“ der Executive Academy der WU Wien und wurde für diesen Blog leicht überarbeitet.

Autor

Prof. Dr. Nikolaus Franke ist Leiter des Instituts für Entrepreneurship und Innovation der Wirtschaftsuniversität Wien, des WU Gründungszentrums und der User Innovation Research Initiative an der WU Wien sowie Akademischer Leiter des „Professional MBA Entrepreneurship & Innovation“, der gemeinsam mit der TU Wien und der WU Executive Academy angeboten wird. Ferner war Franke Gastforscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und fungiert als wissenschaftlicher Leiter des Innovationswettbewerbs TOP 100.

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