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Schlichter zwischen den Fronten

03. November 2016 Pascal Simon Lesedauer 4 Minuten

Wenn zwei sich streiten, hilft der Dritte – das gilt nicht nur für Gerhard Schröder und Kaiser’s Tengelmannn. Das Konzept des Streitschlichters erfährt deutschlandweit großen Zuspruch. Die friedliche Form der Konfliktlösung schont dabei nicht nur das Betriebsklima, sondern spart auch erhebliche Kosten.

Der Streit um die Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann beherrscht auch im November die Schlagzeilen. Seit Monaten beharken sich die Konkurrenten Edeka und Rewe im Kampf um die „Filetstücke“ des Konzerns. Nachdem das OLG Düsseldorf  die Ministererlaubnis Sigmar Gabriels zur Komplettübernahme der Kette durch Edeka kassiert hatte, mussten zwischenzeitlich rund 16.000 Tengelmann-Mitarbeiter um ihre Jobs fürchten.

In dieser verfahrenen Situation lag es an Altkanzler Gerhard Schröder, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Gemeinsam mit dem ehemaligen „Wirtschaftsweisen“ Bert Rürup gelang es ihm am 31. Oktober, die verhärteten Fronten aufzuweichen und einen ersten Kompromiss auszuhandeln. Wie belastbar diese Einigung ist, wird sich jedoch erst in den nächsten Wochen herausstellen.

Schlichtungsverfahren liegen im Trend

Das Konzept des prominenten Schlichters erfreute sich in den vergangenen Jahren immer größerer Beliebtheit. So vermittelte bereits im Herbst 2010 der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler zwischen Gegnern und Befürwortern des neuen Stuttgarter Hauptbahnhofs. Auch der Tarifstreit zwischen der Deutschen Bahn und der Lokführergewerkschaft GDL fand im vergangenen Jahr nicht zuletzt dank der Bemühungen des Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow und des ehemaligen SPD-Chefs Mathias Platzeck ein versöhnliches Ende. Platzeck war es auch, der in diesem Sommer zwischen der Lufthansa und der Gewerkschaft der Flugbegleiter vermittelte.

Der Streit um den geplanten Tiefbahnhof schlug in Stuttgart hohe Wellen. Doch Schlichter Heiner Geißler behielt seinen Humor... (Quelle: Youtube)

Diese Beispiele werfen ein Schlaglicht auf die positiven Effekte der Mediation. Es wundert also nicht, dass auch deutsche Unternehmen die Vorteile dieser Konfliktbewältigung für sich entdeckt haben. Zu den Vorreitern auf dem Gebiet zählt sicherlich der Energieriese E.ON. Der Konzern startete bereits 2006 ein Pilotprojekt zur Mediation innerbetrieblicher Streitigkeiten und verfügt heute über einen internen Pool speziell ausgebildeter Vermittler.  

Teure Konflikte

Der Grund für dieses besondere Engagement liegt auf der Hand, schließlich vergiften Streitigkeiten mit Lieferanten und Gesellschaftern nicht nur das Geschäftsklima, sondern verursachen auch erhebliche Kosten. Gleiches gilt für interne Querelen. Wenn Arbeitszeit mit Streit verbracht wird, schlägt sich das direkt auf die Bilanz nieder. In welchen Dimensionen sich dieses Problem bewegt, zeigt eine Untersuchung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Demnach verbringen Führungskräfte zwischen 30 und 50 Prozent ihrer wöchentlichen Arbeitszeit direkt oder indirekt mit Reibungsverlusten, Konflikten oder Konfliktfolgen. Was die Kosten angeht, so entsteht beispielsweise durch Mobbing und den daraus resultierenden Fehlzeiten ein durchschnittlicher Schaden von etwa 60.000 Euro. Genau diese Konfliktkosten gilt es zu minimieren.

Doch Mediation kann noch mehr leisten. Denn anders als im genannten Beispiel entsteht interner Zwist nicht zuletzt auch aus strukturellen Defiziten. Unklare Verantwortlichkeiten zwischen einzelnen Abteilungen, mangelhafte Prozesssteuerung oder schlechte Budgetierung – die Liste der potentiellen Konfliktherde ist lang. Nur wer sich intensiv mit den daraus resultierenden Streitigkeiten befasst, kann zur tatsächlichen Ursache des Problems vordringen und es beheben. Sprich: das Budget anpassen, Prozesse optimieren und Entscheidungsbefugnisse klar definieren. So dient die Mediation nicht nur der Kostenreduktion, sondern fördert auch den betrieblichen Entwicklungsprozess.

Der perfekte Mediator

Der positive Effekt der Mediation ist also unbestritten. Aber was macht einen guten Vermittler aus? Laut dem Bundesverband Mediation ist Neutralität das oberste Gebot. Schließlich werden sich beide Konfliktparteien nur dann wirklich auf das Verfahren einlassen, wenn sie das Gefühl haben, dass ihren Argumenten die entsprechende Bedeutung beigemessen wird. Hinzu kommen Sachkenntnis und das notwendige Einfühlungsvermögen.

Bleibt nur noch die Frage, wer letztlich die Rolle des Schlichters übernimmt. Hier sind sowohl interne als auch externe Lösungen denkbar. So können Unternehmen gegen ein entsprechendes Honorar einen professionellen Mediator verpflichten, oder – ähnlich wie bei E.ON’s Pilotprojekt – eigene Mitarbeiter für diese Aufgabe schulen. 

Als Führungskraft selbst als Schlichter aufzutreten, kann dagegen problematisch werden. So werden Mitarbeiter ihre Vorgesetzten kaum als wirklich „neutral“ begreifen und gehen dementsprechend gehemmt in den Prozess. Darüber hinaus ist es natürlich verlockend, die durchaus zeitaufwendige Schlichtung durch ein Machtwort „von oben“ abzukürzen. Ein solcher Schnellschuss kann Konflikte jedoch meist nicht lösen, sondern nur übertünchen.

Das kleine Einmaleins der Mediation

Falls Sie dennoch einmal als Vermittler gefordert sein sollten, helfen Ihnen Methoden wie das Harvard-Konzept des sachbezogenen Verhandelns. Im Zentrum dieses an der amerikanischen Elite-Universität entwickelten Verfahrens steht die Unterscheidung zwischen „Positionen“ und „Interessen“. Während die Position den Standpunkt einer Konfliktpartei bezeichnet, summiert man unter Interessen die Gründe, warum eine bestimmte Position eingenommen wird. 

Positionen bilden die Spitze des Eisbergs. Ein kluger Mediator weiß, wie er die Interessen darunter freilegt (© jonny goldstein / flickr.com)

Der Theorie zufolge speist sich eine Position immer aus einer Vielzahl unterschiedlicher Interessen. Die naheliegende Schlussfolgerung: Auch  wenn die Positionen zweier Streithähne unvereinbar scheinen, lässt sich auf der Basis gemeinsamer Interessen trotzdem ein Ausgleich finden.

Aufgabe des Vermittlers ist es, im Dialog mit den Parteien diese gemeinsamen Interessen freizulegen.

Die Ereignisse zeigen, dass auch Schröder als Politik-Veteran diese Methode aus dem Effeff beherrscht. Mit der bislang erfolgreichen Schlichtung zwischen Edeka und Rewe liefert der Altkanzler ein weiteres schlagkräftiges Argument für den Einsatz von Mediationsverfahren auch jenseits der Politik.

Autor

Pascal Simon ist PR-Volontär bei compamedia

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