Am Puls der Zeit
bleiben: mit dem
TOP 100-Blog

Plastik – Auf dem Weg zu anderen Lösungen

21. März 2019 Marilena Berlan Lesedauer 6 Minuten

Kunststoff ist leicht, gut formbar und in der Industrie unverzichtbar. Die Kehrseite: jährlich entstehen Millionen Tonnen an Plastikmüll, die die Umwelt verschmutzen. Warum kann die Industrie auf Kunststoff nicht verzichten? Was wollen die Supermärkte gegen den lästigen Verpackungsmüll tun? Und welche umweltschonende Alternativen gibt es? Wir haben nachgefragt.

Lag 1950 die weltweite Plastikproduktion noch bei 1,7 Millionen Tonnen, so ist sie, laut Naturschutzbund (NABU), heute auf rund 348 Millionen Tonnen angestiegen. Lediglich ein geringer Teil davon wird wiederverwertet. Das liegt daran, dass Recycling aufwendig und teuer ist. Der große Rest landet auf Deponien, in der Landschaft oder im Meer. Etwa 75 Prozent der bis zu 10 Millionen Tonnen Müll, die jährlich im Ozean entsorgt werden, besteht aus Kunststoff. Das Problem: Plastik lässt sich im Wasser nur schwer zersetzen. Durch die Einwirkung von Salzwasser und Sonne gibt es nach und nach kleinere Bruchstücke an die Umgebung ab. Für Meeressäuger- und vögel ist es eine tödliche Gefahr, wenn sie die im Wasser schwimmenden Kunststoffteilchen aufnehmen. Sie verhungern mit vollen Mägen, da Plastik den Verdauungsapparat verstopft.

Um der starken Umweltbelastung entgegenzuwirken, will die Europäische Union ab 2021 in allen Mitgliedsländern ein Verbot von Einwegplastikprodukten einführen.Um das Problem in den Griff zu bekommen, sollte aber auch die Industrie mitziehen. Gar nicht so einfach, wie im Alltag zu beobachten ist, denn für Markenartikelhersteller sind Verpackungen mehr als nur Behälter fürs Produkt. Sie sind das Gesicht des Produktes, ein Teil des Marketings, und sichern den Wiedererkennungswert.

Froli Kunststoffwerk wurde 2018 bereits zum zweiten Mal mit dem TOP 100-Siegel ausgezeichnet. Geschäftsführerin Margret Fromme-Ruthmann (3.v.l.) ist stolz darüber.

Kunststoff in der Industrie

Kunststoff als Material kann aber noch mehr. „Die Verarbeitung, die Eigenschaften und Einsatzgebiete sind vielfältig. Es lassen sich nahezu unbegrenzt, Formen, Farben, Oberflächen unterschiedlichster Stabilität, Härte oder Weichheit realisieren“, erklärt Dr. Margret Fromme-Ruthmann, Geschäftsführerin und TOP 100-Unternehmerin von der Froli Kunststoffwerk GmbH.  Zudem seien Plastikprodukte leichter als Metalle, Glas und Holz. Und sie erfüllen beispielsweise im Medizinbereich höchste Anforderungen an die Hygiene, können steril sein, winzig bis massiv, wasserabweisend, lösungsmittelgerecht und UV-stabil. Sie lassen sich als einzelne Komponenten oder Montageteile – häufig auch ohne Kleben und Schweißen – verbinden und wieder lösen, verrät die Expertin.

Froli Kunststoffwerk wurde 2018 schon zum zweiten Mal nach, 2014, mit dem TOP 100-Siegel für seinen Erfindergeist sowie sein Bewusstsein für Ökologie und Nachhaltigkeit bei der Verarbeitung von Kunststoffen ausgezeichnet. Doch auch Fromme-Ruthmann weiß, dass der Austausch von Plastik durch umweltfreundlichere Kunststoffvarianten in der Industrie nicht einfach ist: „Wir testen seit Jahrzehnten Alternativen. Die Kunden akzeptieren den höheren Preis aber nicht, wenn es nicht auch im Produktnutzen erkennbare Vorteile über das Thema Umwelt hinaus gibt, die sich vermarkten lassen."

Keine Chance für Bio-Plastik

Laut Fromme-Ruthmann gibt es einige umweltfreundlichere Kunststoffvarianten, die sich voneinander unterscheiden. Sie bestehen aus: nachwachsenden Rohstoffen (Monokulturen sollten hier gemieden werden), oder basieren auf fossilen Materialien (Vorsicht: Ressource ist endlich!). Einige sind nicht biologisch abbaubar (sollte dann zumindest recyclebar sein), andere wiederum sind es sehr wohl. Nicht alle biobasierenden Rohstoffe sind, so die Top-Innovatorin, in gleicher Weise bioabbaubar. Wohingegen biologisch abbaubare Rohstoffe kompostierbar seien.

Jedoch müssen sie nicht aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Sie können auch erdölbasierend sein. Die biologische Abbaubarkeit hänge jedoch nicht vom Rohstoff, sondern von der chemischen Struktur des Kunststoffes ab.

Aktuell, so die Geschäftsführerin, gebe es dennoch zu wenig alternative Rohstoffe auf dem Markt, die die gewünschten Eigenschaften, wie Stabilität, Elastizität, Feuchtigkeitsbeständigkeit, etc. erfüllen. Trotz allem – sie zeigt sich optimistisch: „Ich bin positiv, dass wir in Zukunft auf erdölbasierte Kunststoffe verzichten könnten, wenn Kunden, Hersteller, die Gesellschaft und die Weltpolitik nicht andere Interessen, sondern den Menschen und die Nachhaltigkeit nach vorne stellen und wir global daran glauben und arbeiten, innovative Lösungen dafür zu finden.“

Warum müssen Obst und Gemüse einzeln verpackt werden? Das fragen sich auch Kunden. Die Lebensmittelindustrie sucht nach Alternativen. ©AdobeStock

Überflüssiger Kunststoff im Supermarkt

Auch Supermärkte wie beispielsweise Edeka haben sich der Plastik-Problematik angenommen und versuchen, Mehrweg sowie Recycling zu senken. „Unser Engagement zur Vermeidung von Plastik reicht vom Verpackungsverzicht bei Obst- und Gemüseprodukten bis zum Verzicht von Kunststoffträgern. Wir prüfen kontinuierlich, wie sich der Materialeinsatz vermeiden oder weiter reduzieren lässt“, sagt Edeka-Pressesprecher Florian Heitzmann aus Offenburg im Gespräch mit uns.

Seit 2018 bietet der Lebensmittelhändler seinen Kunden Mehrwegnetze an, die als Alternative zu Plastik- und Papiertüten im Bereich Obst und Gemüse genutzt werden können. Darüber hinaus, so Heitzmann, können sich Kunden an der Frischetheke Lebensmittel in ihre eigenen Mehrwegboxen legen lassen. Hierzu seien aus Hygienegründen Tabletts eingeführt worden, auf die Boxen gestellt werden. Obst und Gemüse aus Bio-Anbau wird auf der Verpackung gekennzeichnet. „Mehr und mehr ersetzen wir diese durch einfache Banderolen oder Etiketten, teilweise sogar durch eine Laser-Gravur auf der Schale“, erklärt der Pressesprecher. Ob jedoch alle Edeka-Märkte dem Ansatz aus Offenburg folgen, kann Heitzmann nicht sagen. „Die Mehrzahl unserer Märkte werden von selbstständigen Kaufleuten betrieben, die entscheiden selbst, ob sie Mehrweg-Alternativen anbieten.“

Mithilfe einer Laser-Gravur auf Obst- und Gemüseschalen soll lästiger Verpackungsmüll reduziert werden. Die innovative Methode findet in deutschen Supermärkten immer mehr Anklang. ©AdobeStock

Innovative Verpackungen der Zukunft

Während Supermärkte mit konventionellen Mitteln versuchen, Plastikmüll zu reduzieren, wollen einfallsreiche Köpfe aus aller Welt ihn gar nicht erst entstehen lassen. Sie entwickeln lieber nachhaltige und innovative Verpackungsmaterialien. Hier sind einige davon:

Eine Verpackung, die nicht nur 100-prozentig biologisch abbaubar, sondern auch essbar ist? Dank Seetang ist das möglich. Das britische Start-up-Unternehmen Ohoo entwickelte eine Verpackung, die sich wie eine Art wasserdichte Haut, um die Flüssigkeit legt. Flüssige Lebensmittel könnten damit wie Obst portionsweise verkauft werden und damit Milliarden von Wasserflaschen überflüssig machen. Ein weiteres Plus: Die Herstellung ist einfach und kostet nur etwa einen Cent pro Stück, versprechen die Entwickler.

Die nächste Innovation ist eine kompostierbare Flasche. Sie besteht aus Milchsäure, die aus den pflanzlichen Rohstoffen Zucker und Stärke gewonnen wird. Auf den Markt gebracht wurde sie von der österreichischen Firma „NaKu – Aus Natürlichem Kunststoff“. Laut der Hersteller sei die Bioplastik-Flasche 20-Mal leichter als Glas, rund zehn Mal billiger als Plastik und biologisch abbaubar. Außerdem werden bei der Herstellung bis zu 50 Prozent der CO2- Emissionen reduziert. In der kompostierbaren Flasche lassen sich Fruchtsäfte, Smoothies, Milchprodukte oder feste Lebensmittel abfüllen.

Nicht nur die Verpackung, auch das Etikett sollte umweltfreundlich sein. Eine biobasierende und recyclebare Alternative zu Plastiketiketten ist eine Polyethylen-Folie, die nicht wie bisher aus Erdöl, sondern aus Zuckerrohr-Ethanol hergestellt wird. Kreiert wurde sie von Avery Dennison , einem US-Unternehmen aus Kalifornien. Auch hier versprechen die Hersteller für die Verpackungs- und Etikettierungsprozesse einen niedrigen Preis.

Mein Fazit

Der Kampf gegen Plastik wird schwer, wenn Industrie und Einzelhandel nicht mitziehen. Ein Funke Hoffnung keimt jedoch auf, wenn langsam das Bewusstsein für Nachhaltigkeit geweckt wird und man sich auch in diesen Branchen über Kunststoffalternativen Gedanken macht. Dennoch gilt: Gedanken machen ist gut, Taten folgen lassen ist besser. Innovative Alternativen für Kunststoff werden langsam, aber sicher entwickelt. Sicherlich sind sie an der einen oder anderen Stelle noch ausbaufähig und können mit den Fähigkeiten des Originals nicht mithalten, dennoch sollten sie die Möglichkeit bekommen, eingesetzt zu werden. Aber nicht nur Industrie und Einzelhandel sollten sich angesprochen fühlen, wenn es um die Minderung von Plastikmüll geht, auch die Verbraucher sind gefragt. Jeder Einzelne kann dagegen etwas tun, in dem er beispielsweise beim Einkaufen die Kunststofftragetasche durch den Stoffbeutel ersetzt, sich an der Frischetheke die Wurst in die Mehrwegbox einpacken lässt und sein Obst und Gemüse auf dem Wochenmarkt kauft. Das spart nicht nur Verpackung, sondern unterstützt auch die Landwirte aus der Region. Ich weiß, das alles löst nicht das große Umweltproblem, aber es ist ein Anfang.

 

Weitere Infos über innovative Biokunststoffe finden Sie unter den Links:

https://murmann-magazin.de/innovation/2018/10/diese-alternativen-zur-plastik-verpackung-gibt-es-schon/

https://reset.org/knowledge/biokunststoffe-eine-gruene-alternative-zu-konventionellem-plastik

Autor

Marilena Berlan Marilena Berlan ist Redakteurin des TOP 100-Blogs und PR-Beraterin bei compamedia.

E-Mail schreiben

Kommentare

Kommentar verfassen

*Wird nicht veröffentlicht

Highlights

DSGVO: Das Ende der PR?
17. Mai 2018
Da fliegt mir doch das Blech weg!
15. Januar 2018
Mit diesen Start-ups sollten Sie rechnen
11. Januar 2018
Mit der Blue-Ocean-Strategie zum Erfolg
27. April 2017
Schrecken und Chancen der Disruption
06. Februar 2017
So funktioniert Design Thinking
26. Januar 2017

Impressionen des
5. Deutschen
Mittelstands-Summit

Zur Galerie

Den
TOP 100-Blog
abonnieren

Zum RSS-Feed