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Nordafrikas IT-Talente wollen nicht nach Europa.

Nordafrikas IT-Talente wollen nicht nach Europa

25. Februar 2021 Christoph Klawitter Lesedauer 5 Minuten

Wie man als Mittelständler erfolgreich in Afrika einen Standort eröffnet, zeigt die itemis AG. Das TOP 100-Unternehmen, in der IT-Entwicklungsbranche beheimatet, hat das Abenteuer gewagt und sich in Nordafrika niedergelassen – und das aus einem ganz praktischen Grund.

Auf deutsche Mittelständler warten vielversprechende Chancen in Afrika: Das hat Afrika-Experte Asfa-Wossen Asserate im TOP 100-Buch 2020 deutlich gemacht. Jens Wagener und Abdelghani El-Kacimi von itemis können das nur bestätigen. Dabei war ihr Engagement in Nordafrika zunächst aus der Not heraus geboren. „Wir waren dabei, in Frankreich einen neuen itemis-Standort zu eröffnen“, erinnert sich Jens Wagener, Vorstandsvorsitzender der itemis AG, die ihren Hauptsitz im nordrhein-westfälischen Lünen hat und 2019 bei TOP 100 als bestes Unternehmen seiner Größenklasse abschnitt. „Doch der Markt an Fachkräften war in Frankreich leer gefegt“, ergänzt Vorstandsmitglied Abdelghani El-Kacimi. Also schaute man auch auf nordafrikanische Bewerber. Und El-Kacimi, der selbst in jungen Jahren nach Deutschland eingewandert und Marokkaner und Deutscher ist, erlebte eine Überraschung: „Die Bewerber sagten: Ich will nicht nach Frankreich, ich will auch nicht nach Deutschland“, so El-Kacimi. „Die wollten zu Hause bleiben. Das war auch für mich als Nordafrikaner eine neue Erkenntnis.“

Bei itemis kam nach dem Aufbau des französischen Standorts irgendwann der Gedanke auf: Wenn diese qualifizierten nordafrikanischen Bewerber eigentlich gar nicht nach Europa wollen, trotz des dort herrschenden höheren Lebensstandards – warum gehen wir dann praktischerweise nicht selbst nach Nordafrika? itemis und El-Kacimi eröffneten in der Folge 2017 eine Filiale in Tunis, die organisatorisch an die französische Niederlassung von itemis angebunden ist. Heute arbeiten 35 Mitarbeiter – Informatiker und Ingenieure – in Tunesien für itemis.

Neue Plattform gegründet

Auch in Marokko ist der Innovator des Jahres 2019 (Größenklasse 51 bis 200 Mitarbeiter) tätig: Erst vor Kurzem hat Abdelghani El-Kacimi das Unternehmen FotaHub gegründet. Dabei handelt es sich um einen cloudbasierten Dienst, der hilft, IoT-Geräte (Internet of Things) sicher zu aktualisieren. Solche Updates seien von enormer Bedeutung für die Digitalisierung der industriellen Produktion, erklärt Jens Wagener. „Unsere Plattform FotaHub ist eine Gemeinschaftsproduktion unserer Mitarbeiter in Nordafrika, Frankreich und Deutschland. Federführend waren unsere Kollegen in Nordafrika“, erläutert er weiter. Im Gegensatz zu anderen Produkten großer Hersteller sei die Plattform für jeden Nutzer frei zugänglich. „Wir richten uns mit unserem Service ganz bewusst auch an Softwareentwickler und Ingenieure in Entwicklungsländern, um ihnen die Möglichkeit zu bieten, selbst innovative Produkte zu entwickeln.“ Der Zugang zu solchen Technologien sei ansonsten nur sehr schwer oder gar nicht möglich. Wie Abdelghani El-Kacimi ergänzt, sollen dank FotaHub 20 bis 40 neue Arbeitsplätze in Marokko entstehen.

Jens Wagener leitet die itemis AG. Bild: privat

Mit großen finanziellen Risiken war der Aufbau des Standorts in Tunesien vor einigen Jahren nicht verbunden. „Wir sind ein Know-how-Unternehmen. Wir kommen nicht mit teuren Maschinen“, sagt Abdelghani El-Kacimi. Bei Maschinenbau-Unternehmen beispielsweise könne das etwas anders aussehen, räumt er ein. Seine Mitarbeiter in Nordafrika schätzt er als genauso leistungsstark ein wie die europäischen – mindestens. „Die gehören zur Weltspitze“, gerät er fast ins Schwärmen. Und er ist sich sicher: Aufgrund des Fachkräftemangels komme man in Europa nicht an den begabten nordafrikanischen IT-Fachkräften vorbei, beispielsweise mit Homeoffice-Angeboten. „Das ist unser Rohstoff der Zukunft“, findet El-Kacimi. Apropos Homeoffice: Auch in Tunesien ist Corona allgegenwärtig. Seit geraumer Zeit arbeiten die itemis-Mitarbeiter dort im Homeoffice, ebenso an den anderen Standorten des IT-Unternehmens in Europa. Ob Homeoffice oder Präsenz im Büro – die Produktivität der Mitarbeiter im Homeoffice „ist exakt gleich“, hat Jens Wagener übrigens im Verlaufe der Pandemie beobachtet.

Klischees verpuffen

FotaHub, im Bild Gründer und Firmenchef Abdelghani El-Kacimi, unterstützt den Lehrstuhl von Prof. Hajar Mousannif (rechts) finanziell. Bild: privat

Für Wagener ist das Engagement in Nordafrika auch aus persönlicher Sicht eine kulturelle Bereicherung. „Man lernt sehr, sehr viele interessante Leute kennen“, erzählt er und nennt beispielsweise Professorin Hajar Mousannif. „Eine Frau mit Kopftuch, die Professorin und ausgewiesene Expertin für Robotik ist – und das in einem nordafrikanischen Land: Da kann man tatsächlich mit Klischees brechen“, bekennt Wagener. Ihm ist auch aufgefallen, dass Tradition dort sehr verbreitet sei. „Die Geschichte von Hannibal kennt da jeder“, sagt er mit Blick auf den berühmten Feldherrn des antiken Karthagos, der mit Elefanten gegen die Römer vorrückte. Abdelghani El-Kacimi führt das Bewusstsein für die Tradition auch auf die koloniale Vergangenheit Nordafrikas zurück. So war Tunesien beispielsweise ein französisches Protektorat. „Der Schock, beherrscht zu werden durch andere, das tut bis heute weh“, sagt der gebürtige Nordafrikaner. Aber es ändere sich hier etwas: „Die Jugend, die heute kommt, strotzt nur so vor Selbstbewusstsein.“

Gezielt steuerte die Unternehmensleitung die Integration des damals neuen tunesischen Standortes. „Wir haben die ersten Tunesier einfliegen lassen nach Europa. Schon da sind die ersten Gräben überwunden worden“, erinnert sich El-Kacimi. Anschließend besuchten europäische itemis-Mitarbeiter den neuen Standort in Tunesien. So kam man sich näher, was auch nötig war: „Jeder von uns hat gewisse Vorurteile gegen die anderen“, bemerkt Abdelghani El-Kacimi.

Offen für andere Kulturen zu sein, die eigenen Vorurteile zu überwinden und etwas unternehmerischen Mut mitzubringen – das dürften gemäß El-Kacimi die Gründe für die erfolgreiche Niederlassung in Nordafrika gewesen sein. Er selbst sieht sich als eine Art kulturellen Botschafter an. „In Deutschland bin ich ein Botschafter der arabisch-islamischen Kultur, im Ausland wiederum bin ich ein Botschafter der deutschen Kultur.“

Autor

Christoph Klawitter schreibt als PR-Redakteur von compamedia für den TOP 100-Blog.

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