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Multikulti mit Gewinn

23. März 2016 Sven Kamerar Lesedauer 5 Minuten

Die Zahl der Auswanderer liegt weltweit bei 243 Millionen, darunter befinden sich 19,5 Millionen Flüchtlinge. Politik und Gesellschaft betrachten diese Menschen nicht selten als reine Kostenfaktoren. Eine aktuelle Studie der Wirtschaftsuniversität Wien zeigt jedoch: Migranten und andere Menschen mit Auslandserfahrung zeichnen sich durch ihr unternehmerisches Denken aus. Firmen sollten das nutzen. 

Menschen mit Auslandserfahrung verfügen über eine Extraportion Unternehmergeist. Das belegen nicht nur wissenschaftliche Studien, sondern auch der aufmerksame Blick auf den Werdegang von Einwanderern im Alltagsleben.

Die Wissenschaft liefert für das Phänomen zwei Erklärungsmodelle: Zum einen begünstige in vielen Ländern eine selektive Einwanderungspolitik jene Menschen, deren Fähigkeiten mit unternehmerischem Denken zusammenhängen. Dazu zählen zum Beispiel Menschen mit einem Universitätsabschluss, einer soliden Berufsausbildung oder mit bestehenden Arbeitsverträgen zum Zeitpunkt der Einreise.

Zum anderen geht die Wissenschaft davon aus, dass diejenigen, die sich zum Auswandern oder zur Flucht entschließen, per se über einen höheren Grad an Initiativkraft verfügen als andere Menschen. Sie besäßen damit eine Prädisposition für unternehmerisches Denken.

Die bisherigen wissenschaftlichen Studien konzentrierten sich allerdings nur auf die Fähigkeiten von Menschen, bestehende unternehmerische Gelegenheiten auszunutzen, wenn sie ihnen begegnen. Erstmals belegt nun aber eine Studie die Fähigkeiten dieser Personen, unternehmerische Gelegenheiten aufzuspüren bzw. sie überhaupt erst zu schaffen.

Verfasst hat die Studie der wissenschaftliche Leiter von TOP 100, Prof. Dr. Nikolaus Franke vom Lehrstuhl für Entrepreneurship und Innovation der Wirtschaftsuniversität Wien. Seine Studie, die im „Journal of Business Venturing“ erscheinen wird, liegt unserem Blog exklusiv vorab vor. 

„Kulturschock“ zündet Wachstumsturbo

Die Grundthese von Franke lautet, dass interkulturelle Erfahrungen an sich eine Eigenheit sind, die unternehmerisches Denken fördern: „Interkulturelle Erfahrungen erhöhen die Fähigkeiten, profitable unternehmerische Gelegenheiten zu erkennen.“ Zurückzuführen sei das auf „interkulturelles Wissen über Kundenwünsche und Märkte sowie die Möglichkeiten, diese zu bedienen.“ Franke bezieht sich dabei sowohl auf langfristig in anderen Ländern lebende Migranten als auch auf Personen mit kurzfristigen Auslandsaufenthalten, wie beispielsweise Studenten mit Auslandssemestern.

Das, was der finnisch-amerikanische Anthropologe Kalervo Oberg 1960 als „Kulturschock“ bezeichnete, führt laut Franke im positiven Sinne zu einer Erweiterung des Wissens: „Menschen begegnen in unvermeidbarer Weise bislang unbekannten Produkten, Dienstleistungen und Kundenwünschen eines anderen Kulturkreises und beginnen, sie mit vertrauten Produkten und Dienstleistungen aus der Heimat zu vergleichen.“

Als Erklärung dafür, dass dieser Vergleich in besonderem Maße unternehmerisches Denken fördert, beruft sich Franke auf zwei seit langem diskutierte wissenschaftliche Thesen, die er anschließend experimentell untersucht. 

Arbitrage- und Kombinationsgabe gefragt

Als erster Erklärungsansatz dient das „Arbitrage-Modell“ des amerikanischen Wissenschaftlers Israel Kirzner: Laut ihm schließen interkulturelle Erfahrungen Informationsdefizite. Personen ausländischer Herkunft oder mit Auslandsaufenthalten erwerben dank ihrer Erfahrung in unterschiedlichen Ländern einen Wissensvorsprung mit Blick auf Produkte, Dienstleistungen, Märkte und Kundenwünsche. Diesen Vorsprung nutzen sie zu ihrem Vorteil. Man spricht in diesem Zusammenhang von dem „Entdeckungsansatz“. Menschen erhalten einen neuen Zugang zu bestehenden Informationen.

Als Beispiel nennt Franke Starbucks: Dessen Gründer Howard Schultz war bei einem Besuch in Mailand von den italienischen Kaffeebars so begeistert, dass er die Idee in die Vereinigten Staaten exportierte.

Der zweite Erklärungsansatz bezieht sich auf das sogenannte „kreative Kombinieren“ nach Joseph Schumpeter. Laut dem berühmten Ökonomen geht es bei der Wahrnehmung unternehmerischer Gelegenheiten vor allem um das Generieren bzw. Aufspüren neuer Informationen, aus denen die Betreffenden im Rahmen eines kreativen Akts eine Innovation entwickeln. Diese Herangehensweise wird als „Entstehungsansatz“ bezeichnet.  

Eine Zeitung und ein Supermarkt als Fallbeispiele

Soweit die Theorie. Um seine These von der produktiven Wirkung interkultureller Erfahrungen zu überprüfen, führte Franke an der Wirtschaftsuniversität Wien zwei empirische Studien durch: mit österreichischen Studenten, die eine Zeit im Ausland verbracht hatten, und mit einer Gruppe ausländischer Studenten. Beiden Gruppen wurden jeweils Kontrollgruppen zugeordnet, um die Validität der Ergebnisse zu prüfen und statistische Zufälligkeiten auszuschließen.

Die Probanden hatten zwei Aufgaben zu lösen: die Gründung und Einführung einer neuen Tageszeitung auf dem österreichischen Markt und die Eröffnung eines neuen Supermarktes im Ersten Distrikt Wiens.

In beiden Fällen sollten sie Vorschläge für Produkteigenschaften und Services entwickeln, die ihre Schöpfungen von der bestehenden Konkurrenz abheben und das Unterfangen profitabel gestalten.

Die Ergebnisse der beiden Untersuchungen zeigen, dass die Probanden mit Auslandserfahrung oder Migrationshintergrund ein weitaus höheres Maß an Arbitrage- und kreativen Kombinationsfähigkeiten an den Tag legten als die jeweiligen Vergleichsgruppen ohne interkulturelle Erlebnisse.

Praktische Auswirkungen

Franke zieht aus den Ergebnissen seiner Untersuchungen vier Schlüsse für die Praxis: 

  • Mitarbeiter mit Auslandserfahrung oder mit einem Migrationshintergrund sind nicht nur wertvolle Kräfte, wenn es um die Umsetzung von Internationalisierungsstrategien von Unternehmen geht, sondern sie sind besonders gut geeignet, schon in einem früheren Stadium überhaupt erst Möglichkeiten einer profitablen Auslandsexpansion zu entwickeln bzw. zu erkennen.
  • Die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten von Universitäten sollten eng mit den Departments für internationale Studien zusammenarbeiten, wenn sie das unternehmerische Denken der Studenten fördern möchten.
  • Auch Unternehmen und Organisationen rät Franke, Mitarbeitern die Chance auf Auslandserfahrung zu bieten, wenn sie deren unternehmerischen Fähigkeiten fördern wollen.
  • Die Immigrationspolitik sollte sich nicht nur auf das Anwerben und Fördern sehr gut ausgebildeter Arbeitskräfte konzentrieren, sondern sie sollte auch auf die Fähigkeiten normal qualifizierter Migranten setzen, da schon diese über eine vergleichsweise hohe Sozialisierung für unternehmerisches Denken verfügen.

Vor diesem Hintergrund erscheint auch eine verstärkte Förderung jener Flüchtlinge und Migranten sinnvoll, die über eine vergleichsweise geringe Bildung bzw. Ausbildung verfügen, und die Erleichterung des Zugang zum Arbeitsmarkt für diese Personengruppen. 

Natürlich wird, das schreibt Franke, nicht aus jedem Flüchtling oder Menschen mit interkulturellen Erfahrungen ein Unternehmer oder eine unternehmerisch denkende Führungskraft. Aber unter gleichen Voraussetzungen sind diese Personen in weitaus höherem Maße geeignet, profitable unternehmerische Gelegenheiten zu entdecken als der Rest der Bevölkerung. Dieses Potenzial sollten Unternehmen und Organisationen nutzen.

Hinweis: Die zitierte Studie von Prof. Dr. Nikolaus Franke ist zur Veröffentlichung im „Journal of Business Venturing“ vorgesehen. Wir danken dem Autor für die Erlaubnis, vorab daraus zitieren zu dürfen.

Autor

Sven Kamerar ist der Leiter der Unternehmenskommunikation bei compamedia. Unter @SKamerar twittert er über alle Themen rund um TOP 100.

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