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Linda Zervakis ist Moderatorin des Deutschen Mittelstands-Summit und hat ein neues Buch veröffentlicht.

Linda Zervakis – zwischen Gyros und Bratkartoffeln

17. Dezember 2020 Christoph Klawitter Lesedauer 5 Minuten

Witzig, spannend und mit Tiefgang: In ihrem neuen Buch „Etsikietsi“ geht Linda Zervakis, Sprecherin der Tagesschau und Moderatorin des Deutschen Mittelstands-Summit, ihren griechisch-deutschen Wurzeln nach. Und sie erzählt, welchem Schatten sie gerne entfliehen würde.

Da ist sie wieder, die Frage nach den zwei Pässen. Linda Zervakis, zugleich Griechin und Deutsche, gibt ein Radiointerview. „Wenn Sie sich für einen Pass entscheiden müssten, was viele Politiker gerade fordern: griechisch oder deutsch?“, fragt sie der Radiomoderator. Ihre ironische Antwort: „Ich fühle mich wie Gyros mit Bratkartoffeln.“ Es herrscht überraschte Stille, damit hat der Moderator nicht gerechnet. Man ahnt als Leser: Dieses Interview gelingt nicht. Denn Linda Zervakis kann auch mit der öfters formulierten Wendung „Erste Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund“ nichts anfangen. „Ich mag dieses Wort nicht. Es ist wie ein Schatten, der hinter mir herläuft. Früher, in der Schule, war das nie ein Thema, da ging es um den Menschen“, antwortet sie dem Radiomann auf eine entsprechende Frage. 

Witz und ein untrügliches Gespür für Situationskomik, das zeichnet „Etsikietsi“ aus. Es ist nach „Königin der bunten Tüte“ das zweite Buch der Tagesschau-Sprecherin, die seit 2017 auch den Deutschen Mittelstands-Summit von compamedia moderiert. 

Ausgangspunkt des Textes ist ein Abendessen bei ihrer Mutter Chrissi: „Meine Mama steht wortlos auf und holt ein Notizbuch aus der Schublade. Was mag das wohl sein? Überreicht sie mir nach Jahren erfolglosen Bittens endlich ihr Pita-Rezept?“, fragt sich Linda Zervakis, um dann staunend ein Tagebuch ihrer Mutter entgegenzunehmen. „Bitte schön, meine Leben“, sagt die Mutter in ihrem eigentümlichen Sprachstil und übergibt der völlig verdutzten Tochter ihr Werk.

Mit viel Humor geht Linda Zervakis auf Spurensuche. Bild: Verlag rowolt Polaris

Im Mittelpunkt von „Etsikietsi“ steht der Werdegang der Mutter, anhand des Tagebuchs zeichnet Linda Zervakis diesen nach. Sie nimmt den Leser mit in das dörfliche Griechenland der Vierzigerjahre des vorigen Jahrhunderts: Kostas, der Vater von Chrissi, ist der Einzige im Dorf, der richtig lesen und schreiben kann. Das Haus, in dem die junge Chrissi lebt, verfügt über kein Bad – „man wusch sich an der Quelle, die hinterm Haus in einem Trog plätscherte“, schreibt Zervakis. Und aus heutiger Sicht fügt sie hinzu: „Was für Großstädter mit Aussteigerphantasien wie ein Paradies klingt, muss in Wahrheit ein Albtraum gewesen sein.“

Mädchen gelten weniger als Jungs 

Hart sind auch die gesellschaftlichen Regeln im Dorf, denn laut Zervakis galten Mädchen weniger als Jungs: „Töchter waren damals so viel wert wie heute männliche Küken. Sie wurden zwar nicht gleich aussortiert, aber die meisten Väter waren froh, wenn sie eines Tages unter der Haube waren und nicht mehr am eigenen Tisch durchgefüttert werden mussten.“ Logisch, dass in diesem Umfeld Chrissi nicht aufs Gymnasium darf, das ist ihrem Bruder vorbehalten. 

Nahezu ein Erweckungserlebnis ist es für die Teenagerin Chrissi, als sie mehrere Monate lang ihre ältere Schwester besucht, die in einer Großstadt lebt. Eindrücklich schildert Zervakis, wie ihre Mutter beispielsweise Dinge wie Kaffee zum ersten Mal kennenlernt: „Das Koffein pumpte im ganzen Körper, die vielen Eindrücke durchfluteten das Mädchen vom Land.“ Ein Bekannter nimmt Chrissi mit zu einer Theaterprobe, Chrissi ist begeistert vom Theater. Und der Regisseur von ihr, als er sie probeweise eine Rolle spielen lässt. „Da ist etwas in ihrem Gesicht, das mich interessiert“, sagt der Regisseur. Und er bietet ihr eine Rolle als Hauptdarstellerin an. Für Chrissi ist nun klar: Sie möchte Schauspielerin werden, das ist ihre Chance. Weg von der Olivenernte, weg von einem vorgezeichneten Dasein als Hausfrau und Mutter, weg aus der Enge des Dorfes. Doch Vater Kostas ist anderer Meinung. „Nichts da. Das ist doch kein Beruf. In unserer Familie wird man von jeher Bauer oder Bäuerin. Und das ist auch gut so.“ Und: „Wir suchen jetzt einen Mann für dich.“ Damit ist Chrissis Traum geplatzt.

Olivenbäume in Griechenland: Während einer Urlaubsreise in die alte Heimat kommen sich Mutter und Tochter noch näher. Bild: andreikovnir/Adobe Stocks

Es sind die besonders eindrücklichen Stellen im Buch, wenn Linda Zervakis über nicht verwirklichte Träume, die Trauer darüber, aber auch das „Weitermachen“ danach schreibt. Später sollte ihre Mutter dann doch das Dorf verlassen – sie wanderte nach Deutschland aus und führte dort mit ihrem Mann einen Kiosk. Diese Geschichte wird in „Etsikietsi“ nicht erzählt, sondern in Zervakis‘ erstem Buch „Königin der bunten Tüte“. „Wenn es etwas gibt, das ich aus Mamas Tagebuch erfahren habe, dann ist es, dass sie es war, die mir den Wunsch nach Scheinwerferlicht mitgegeben hat“, resümiert Linda Zervakis.

Mutter und Tochter unternehmen eine gemeinsame Reise nach Griechenland. Vor Ort spürt Linda Zervakis, in Deutschland geboren und aufgewachsen, ihren griechischen Wurzeln nach. Und entdeckt dabei, wie viel Deutsches in ihr steckt – beispielsweise, als ihre Mutter ein Bonbon-Einwickelpapier während der Autofahrt aus dem Fenster wirft und die Tochter das zum Anlass nimmt, eine Vollbremsung hinzulegen und an Ort und Stelle nach dem Bonbonpapier im vertrockneten Gras zu suchen; deutscher Ordnungssinn eben. Nach der Rückkehr aus dem Urlaub geht es für Linda Zervakis gleich wieder nach Griechenland, dieses Mal ohne die Mutter – überraschend wird sie dazu eingeladen, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu einem Staatsbesuch nach Griechenland zu begleiten.

Fazit

Das Buch, in wohltuend einfacher Sprache geschrieben, liest sich rasch und unterhaltsam. Gewürzt ist es mit einem lakonisch-witzigen Stil, es verfügt aber auch über Tiefe, wenn Linda Zervakis über die Träume ihrer Mutter schreibt – oder über den Schrecken, den die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg in Griechenland hinterlassen hat. Spannend wird es, wenn Zervakis schildert, wie ihr Großvater Kostas im griechischen Bürgerkrieg Ende der Vierzigerjahre von Kommunisten gefangen genommen wird und sich nur dank einer glücklichen Fügung retten kann. Bleibt noch aufzulösen, was eigentlich „Etskietsi“ bedeutet. In einem Interview mit einer Tageszeitung erläutert Linda Zervakis: „Wenn man in Griechenland gefragt wird, wie es einem geht, dann antwortet man: ‚Etsikietsi‘, das heißt: so la la, irgendwie dazwischen. Und das beschreibt auch ein bisschen, wie ich mich fühle. Zwischen den Stühlen, zwischen den Welten.“

Linda Zervakis: Etsikietsi – Auf der Suche nach meinen Wurzeln. Rowohlt Polaris. ISBN 978-3-499-63442-0. 208 Seiten, Preis: 16 Euro.

Autor

Christoph Klawitter schreibt als PR-Redakteur von compamedia für den TOP 100-Blog.

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