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Leben aus dem Baukasten

15. September 2016 Silja Spreyer Lesedauer 4 Minuten

Als Charles Darwin seine Evolutionstheorie veröffentlichte, konnte er nicht ahnen, dass die natürliche Selektion eines Tages ausgedient haben würde.  Eine neue Methodik ist nämlich dazu in der Lage, Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt zu perfektionieren. Utopie oder Dystopie? 

Ob HIV, Herpes, Influenza oder Hepatitis: Virenerkrankungen sind im besten Fall nervig, im schlimmsten Fall enden sie mit dem Tod. Auch Bakterien hassen Viren. Im Vergleich zum Menschen können sie sich allerdings besser dagegen schützen. Bakterien verfügen nämlich über ein Immunsystem, das es ihnen ermöglicht, Viren-DNA zu erkennen und innerhalb kürzester Zeit zu zerstören.  

Dieses Abwehrsystem, genannt „Crispr“, verfügt – vereinfacht gesagt – über ein Protein (Cas9), das die Viren-DNA ansteuert und zerschneidet. Die französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier und die US-Biochemikerin Jennifer Doudna erkannten das Potenzial hinter dieser Methode und machten sie im Jahr 2012 wissenschaftlich nutzbar. 

Mit Crispr/Cas ist es schon heute möglich, jedwede Erbsubstanz ganz einfach umzuschreiben, indem man ein Genom herausschneidet, korrigiert und durch andere Abschnitte ersetzt – ähnlich wie Sie mit einem Textverarbeitungsprogramm Briefe editieren. Aus diesem Grund wird diese neue Methode auch „genome editing“ genannt. Die Methodik arbeitet schnell, kostengünstig und präzise und kann im Nachhinein nicht mehr nachgewiesen werden. 

Eine perfekte Welt?

Die Menschheit könnte mithilfe von Crispr/Cas Aids, Leukämie und andere Krankheiten besiegen. Man könnte nervige Mücken endgültig ausrotten und die Lebensmittelversorgung der Weltbevölkerung sichern. Denkbar ist auch, dass etwa Kühe Milch erzeugen, die eine pharmazeutische Wirkung haben. Schädlinge auf Nutzpflanzen? Im Jahr 2100 werden unsere Enkel und Urenkel diese lästigen Lebewesen nur noch aus Filmen und Geschichten kennen. 

Apropos Urenkel: Wenn Ihre Nachfahren es sich leisten können, werden sie intelligent, sportlich, wunderschön und selbstverständlich völlig frei von Erbkrankheiten sein. Sie werden blond oder brünett sein, volle Lippen und große Mandelaugen haben – was auch immer gerade Trend sein wird. Und das natürlich ohne OP oder Besuche beim Friseur. Das Baby kommt ganz einfach aus dem genetischen Baukasten. Eine Pille hilft Ihren Nachkommen dabei, Genschäden im Alter sofort an Ort und Stelle zu reparieren. 

Klinkt nach Fiktion, ist aber schon heute im Ansatz Realität. Forscher aus China haben bei befruchteten, aber nicht entwicklungsfähigen Embryos ein kaputtes Gen „überarbeitet“ und durch ein funktionales Molekül ersetzt. Zwar gelang nur bei einer Handvoll der insgesamt 86 Embryozellen die gewünschte Manipulation – bei Erwachsenen und bei Tierzellen hat sich jedoch Crispr/Cas bereits bewährt.

Ethische Bedenken

Angesichts der weitreichenden Folgen, die Crispr/Cas für die Menschheit haben könnte, bleiben die Reaktionen darauf eher verhalten. In der ZEIT fragte die Schriftstellerin Thea Dorn jüngst  „Wo bleibt der Aufschrei?“ und hoffte, „... dass es uns gelingen könnte, die Diskussion über Gentechnik endlich zu beginnen, ohne die Freudenfeuer der Hysterie zu entzünden.“

Im Juni befasste sich der Deutsche Ethikrat mit dem Thema Genom-Editierung. Auch Wolfgang Huber von der Humboldt-Universität Berlin plädierte dafür, „weder den Heils- noch den Unheilspropheten das Feld zu überlassen, sondern von Menschen erdachte Innovationen als Feld verantwortlicher Gestaltung anzusehen“. Denn: „Euphorische Betrachtungsweisen steigern die Chancen des Neuen bis hin zu Heilsversprechen; apokalyptische Sichtweisen betrachten die Risiken als unabwendbares Unheil. Was die einen als ‚Gottes-Werkzeug‘ preisen, kritisieren die anderen als den vermessenen Versuch, ‚Gott zu spielen‘ [...] Im einen Fall wird der euphorische, im andern der apokalyptische Zugang zu neuen wissenschaftlichen Möglichkeiten religiös gesteigert; die kritische Auseinandersetzung mit solchen Zugängen wird dadurch gerade blockiert. “

Zwischen Regulation und Innovation

In Deutschland ist Gentechnik stark reguliert (vor allem, wenn es um Embryonen und Nahrung geht), in der restlichen Welt steht man Experimenten offener gegenüber. In den USA ist genmanipulierter Mais zum Beispiel nichts Ungewöhnliches – die Wirkung auf den Menschen ist höchst umstritten. Das Hauptproblem ist jedoch nicht die Gentechnik, sondern die Art und Weise, wie Unternehmen – vornehmlich Großkonzerne wie Monsanto – damit umgehen

Sollte genetische Optimierung irgendwann zum Tagesgeschäft werden, stellt sich die Frage, inwiefern sich die Spezies Mensch diversifizieren wird. Eine Gesellschaft, in der es den optimierten „Homo perfectus“ und den klassenniederen Homo sapiens gibt, klingt mehr als gruselig. Aber: Eine Gesellschaft ohne Krankheit? Eigentlich eine schöne Vorstellung. Crispr/Cas wäre eine riesige Chance, wenn wir es schaffen, verantwortungsvoll damit umzugehen. Noch zweifle ich ein wenig daran. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren. 

Autor

Silja Spreyer ist die Redaktionsleiterin des TOP 100-Blogs und Senior PR-Beraterin bei compamedia.

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