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Krisen, nichts als Krisen!

13. Juni 2016 Pascal Simon Lesedauer 4 Minuten

Die Krise – ob politischer, gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Natur – hat sich für uns längst zum Dauerzustand entwickelt. Doch wie geht man um mit dieser permanenten Unsicherheit? Für den Zukunftsforscher Matthias Horx ist klar: Eine erfolgreiche Krisenbewältigung beginnt bereits bei der Krisenwahrnehmung.

Neue Woche – neue Krise. Auf diese einfache Formel lässt sich die mediale Berichterstattung in den letzten Jahren zuspitzen. Von der Finanz- und Bankenkrise bis hin zur europäischen Staatsschuldenkrise, idealtypisch verkörpert durch das bankrotte Griechenland. Auch in der Flüchtlingsfrage regiert die Hysterie. Auf das berühmte „Wir schaffen das!“ der Kanzlerin folgten Berichte aus überforderten Städten und Kommunen und nicht zuletzt die Silvesternacht 2016 provozierte eine aufgeregte Diskussion über das Frauenbild des Islam.

Doch nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Wirtschaft herrscht Unsicherheit. Hier sind es vor allem das Freihandelsabkommen mit den USA und der drohende BREXIT, die ihre Schatten voraus werfen. Niedrige Zinsen und die notorisch aufgeregten Finanzmärkte tun ihr Übriges dazu.

Aus Überforderung wird lähmende Angst

Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx führt die grassierende Unsicherheit auf die Gesetze der medialen „Erregungsökonomie“ zurück. Getreu dem alten Motto: „Bad news are good news“ erfahren, so Horx, vor allem negative Entwicklungen ein überproportionales Maß an Aufmerksamkeit. Im Zuge von Digitalisierung und weltweiter Vernetzung entsteht somit ein Überfluss an zumeist negativen Informationen, die von den meisten Menschen kognitiv gar nicht mehr verarbeitet werden können. So schließt sich Horx den Worten der Kulturkritikerin Sibylle Berg an: „Wir erfahren zu viel und wissen zu wenig.“ Immer neue Hiobsbotschaften von Terroranschlägen, flankiert vom neuesten Lebensmittelskandal (multiresistente Keime) und der Entdeckung eines neuen Krankheitserregers (der Zika-Virus) resultierten in einem permanenten Angstzustand - Angst vor Terrorismus, Angst vor dem Zinstief, Angst vor einem neuen Börsencrash. 

Was nun, Herr Horx?

Wie geht man also um, mit all den Krisen? Wie gelingt es, Ängste zu überwinden und trotz ungewisser Zukunftsaussichten stabil zu wirtschaften? Entgegen des verbreiteten „Erregungs-Tumults“ ist „Ruhe bewahren!“ für Horx die oberste Prämisse. Währungs- und Wirtschaftskrisen seien schließlich keine Erfindungen des 21. Jahrhunderts. Neben diesem Plädoyer für mehr (mediale) Gelassenheit sieht der Zukunftsforscher den Schlüssel zur Krisen-Bewältigung in unserer Krisen-Wahrnehmung.

Horx verortet den Kardinalfehler, sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch in Unternehmen, darin, Krisen als vorübergehende Störfälle in einem an sich funktionsfähigen System zu begreifen. Tatsächlich müsse eine Krise jedoch als Anzeichen sich verändernder Umweltbedingungen verstanden werden, die ein Aufrechterhalten des bisherigen Systems unmöglich bzw. unprofitabel mache. Demnach ist eine Krise von ihrem Wesen her keine reine Unterbrechung des Bisherigen, sondern ein evolutionärer Prozess. An die Stelle einer rückwärtsgewandten Rhetorik des „Früher war alles besser!“ bzw. des „Das haben wir die letzten 20 Jahre schon so gemacht!“ müsse also die Einsicht treten, gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Trends nicht rückgängig machen zu können. Nur wer dies akzeptiert, kann den Veränderungsprozess sinnvoll gestalten und sich am Markt entsprechend neu positionieren.

Energiewende auf deutschen Straßen? Fehlanzeige!

Was passiert, wenn man wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandlungsprozesse verschläft, zeigt sich am Beispiel der Autoindustrie. Bis zum Jahr 2020, so der Plan der Bundesregierung, sollten eine Million Elektroautos die deutschen Straßen bevölkern. Tatsächlich zugelassen sind laut dem Statistikportal Statista bisher 25.500 reine Batteriefahrzeuge. Hinzu kommen rund 130.000 Hybride. Viel zu lange lamentierten deutsche Hersteller wie BMW, Opel oder Daimler über mangelnde Infrastrukturen und zu kurze Reichweiten. Nun müssen sie mit ansehen, wie ihnen Tesla die Show stiehlt. Im Gegensatz zu den deutschen Autobauern steckte das kalifornische Unternehmen seit seiner Gründung im Jahr 2003 seine gesamte Energie in die Entwicklung des Elektroantriebs. Während nun also VW, Audi, Porsche, Opel und Daimler als Reaktion auf Abgasmessungen des Verkehrsministeriums eine freiwillige Rückrufaktion von insgesamt 630.000 Fahrzeugen starten, wird Tesla-Gründer Elon Musk bei der Ankündigung des neuen „Model 3“ wie ein Rockstar gefeiert.

Dieses Beispiel zeigt: wer langfristige Trends ignoriert und Krisen als reine Störfälle verkennt, der riskiert nicht nur einen Reputationsverlust, sondern läuft Gefahr, sein Kerngeschäft an Wettbewerber zu verlieren. Mit den Worten der amerikanischen Publizistin und Ökonomin Hazel Henderson: „It's a crime to waste a crisis.“

Zur Person

Matthias Horx ist ein deutscher Publizist und Zukunftsforscher. Als Leiter des von ihm selbst gegründeten „Zukunftsinstituts“ mit Hauptsitz in Frankfurt am Main identifiziert und erforscht er aktuelle gesellschaftliche Trends und erstellt Prognosen über deren zukünftige gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Auswirkungen.

Am 24. Juni wird Matthias Horx als Redner beim 3. Deutschen Mittelstands-Summit die Auswirkungen sozialer Megatrends auf die Wirtschaft von morgen erörtern.

Autor

Pascal Simon ist Redaktionsleiter des TOP 100-Blogs und Junior PR-Berater bei compamedia

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