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Die AMG-Studie "Project One" auf der IAA in Frankfurt.
Die AMG-Studie "Project One" auf der IAA in Frankfurt.

Innovationen im Grenzbereich

12. Oktober 2017 Sven Kamerar Lesedauer 5 Minuten

Auf der IAA war er eines der Highlights: der Supersportwagen Project One von Mercedes-AMG. Nicht zum ersten Mal schockte die Autoschmiede damit die Konkurrenz. Schon ihre erste Kreation vor 50 Jahren sorgte für Aufregung. Ein Jubiläumsband blickt auf die bewegte Geschichte des TOP 100-Unternehmens.

An diesen Tag zu Beginn der 1980er-Jahre kann ich mich noch gut erinnern, genauer gesagt an den Moment, als ich aus der Schule kam und ein großformatiges Kuvert in der Küche vorfand. Absender: der Autoveredler AMG. Mit einem netten Gruß hatte dessen Gründer und Geschäftsführer Hans Werner Aufrecht – das A von AMG – mir den neuesten Firmenprospekt zugeschickt. Ich hatte ihn zuvor in krakeliger Schülerhandschrift auf Umweltpapier darum gebeten.

Der spiralgeheftete, mit einer durchsichtigen Folie als Umschlag versehene Prospekt, der da vor mir lag, und noch heute an einem besonderen Platz in meiner Wohnung liegt, ist das frühe Zeugnis einer Erfolgsgeschichte.

AMG-"Motorenmanufaktur"
Der Opel Commodore ist längst abgehängt. In ihrer Motorenmanufaktur kitzeln die AMG-Ingenieure das Maximum aus jedem Antrieb. (© Kickaffe, Mario von Berg)

1967 hatte sich der Mercedes-Ingenieur Aufrecht aus Großaspach (G) zusammen mit seinem Kollegen Erhard Melcher (M) selbstständig gemacht. Zu trist erschien ihnen der künftige Arbeitsalltag, nachdem Mercedes den Ausstieg aus dem Tourenwagensport verkündet hatte. Zugleich sorgten sie sich um den Anspruch der Marke, die besten Premiumfahrzeuge der Welt zu produzieren. Denn es war die Zeit, als sich Mercedesfahrer auf der Landstraße von flotteren Opel-Commodore-Fahrern überholen lassen mussten, wie das Fachblatt auto motor und sport (ams) in einem Beitrag 1969 ätzte. Auch die „neuerdings in immer größerer Anzahl auftauchenden BMW“ (ams 1969) lehrten die Sindelfinger das Fürchten.

Porsche-Schreck statt Bauern-Benz

Mit ihrer Firma AMG wollten Aufrecht und Melcher dagegen etwas unternehmen. Eines der ersten Autos, dem sie auf die Sprünge halfen, war der behäbige Mercedes 250. Der fristete damals ein Dasein als Taxi und als Zivilfahrzeug der Agrarwirtschaft und zehrte von dem Ruhm vergangener Tage. Aufrecht und Melcher ersetzten die Vergaser durch eine Einspritzung, tauschten die Zylinderköpfe, bearbeiteten Brennräume, Ventile sowie Ein- und Auslasskanäle oder ersetzten gleich den ganzen Motorblock, je nach Wunsch der Kunden. Das Ergebnis: Aus den ursprünglichen 130 PS wurden bis zu 185 PS und aus dem Bauern-Benz ein Porsche-Schreck.

Die ams-Redaktion reagierte begeistert: Man zähle „mit einem derart getunten Mercedes unbestritten zu den schnellsten Teilnehmern des Straßenverkehrs.“ Und das „bei einem durchaus zivilen Konsum von knapp 17 Litern“.

Schwarz-Weiß Fotografie des Mercedes 300 SEL beim Rennen im belgischen Spa
Im belgischen Spa setzte sich der Mercedes 300 SEL gegen die deutlich leichteren Fahrzeuge der Konkurrenz durch und sorgte im Motorsport-Kosmos für gehöriges Aufsehen. (© Daimler AG)

Bei Daimler-Benz in Sindelfingen war man allerdings verstört und der Schrecken sollte sich noch steigern, als Aufrecht und Melcher 1971 einen ohnehin schon kräftigen Mercedes 300 SEL 6.3 auf 6,8 Liter Hubraum und 400 PS aufmotzten und auf die Rennstrecke brachten. Gleich bei seinem Renndebüt beim 24-Stunden-Rennen von Spa errang der Wagen den zweiten Platz. Noch heute sorgt die röhrende Maschine mit dem Spitznamen „Rote Sau“ auf Oldtimerevents für Gänsehaut.

 

Ein paar Verrückte, ganz nah am Kunden

Aufrecht und Melcher hätten sich in der Folge am liebsten ganz auf den Motorsport konzentriert, was allerdings schnell die wirtschaftliche Kraft des jungen Unternehmens überfordert hätte. „Also waren wir praktisch gezwungen, Straßenautos zu bauen. Und da haben alle gesagt: Jetzt sind sie verrückt geworden. Das geht nie“, berichtet Aufrecht in einem aktuellen Interview mit ams. Man muss wissen: Damals galt es als Sakrileg, einen Mercedes zu tunen. VW, Ford oder Opel? Kein Problem. Aber einen Mercedes?

Doch die AMG-Truppe ließ sich nicht beirren, auch nicht von ausgefallenen Kundenwünschen. Aufrechts bis heute gültiger Leitspruch: „Wenn man spürt, was der Kunde möchte, findet der Ingenieur auch eine Möglichkeit, das umzusetzen.“

AMG-Motorenplakette
Ein Mann, ein Motor – die AMG Motorenplakette steht sinnbildlich für höchste Sorgfalt und Ingenieurskunst. (© Thilo Parg / Wikimedia Commons)

Dabei gelang es AMG selbst in den auch für die Tuning-Szene schrillen 1980er-Jahren, trotz aller Umbauten die Premiumqualität eines Mercedes zu erhalten. Die herausragende Verarbeitungsqualität und Zuverlässigkeit litt selbst unter den gewagtesten Umbauten nicht. Beziehungsweise: AMG blieb immer eine Spur dezenter und seriöser als die Konkurrenz, die vergoldete Extremumbauten auf die Reeperbahn und in den Nahen Osten lieferte .

Ritterschlag von Daimler

Dieser hohe Qualitätsanspruch machte auch in der Daimler-Zentrale Eindruck, in der lange Zeit, vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade überbordende Begeisterung über das Tun des Mittelständlers herrschte. Doch der Ritterschlag erfolgte 1995/1996 mit dem Modell E 50 auf Basis des W 210: dem ersten von AMG komplett entwickelten Fahrzeug.

Während AMG zuvor fertige Fahrzeuge übernahm und modifizierte, koppelte Mercedes nun halbfertige Fahrzeuge aus der Serienproduktion aus und lieferte sie zur Endmontage gemäß AMG-Spezifikationen nach Affalterbach.

Dezent und brutal stark

Jahre später hatte ich mehrfach Gelegenheit, die noch stärkere Version E 60 ausgiebig zu fahren, eine auf 380 PS gesteigerte Rennmaschine, die äußerlich und im Innenraum kaum von einer serienmäßigen E-Klasse zu unterscheiden war. Bis heute hat dieses Fahrzeug aufgrund seiner phänomenalen Fahreigenschaften einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, auch im Vergleich zu den schweren Kalibern anderer Sportwagenhersteller, die ich umfassend testen konnte.

Die zivile Entfaltung brutaler Kraft, gepaart mit einem dezenten Erscheinungsbild und einem gepflegten inneren Ambiente ist eine Kunstfertigkeit, die allenfalls noch das eine oder andere Bentley-Modell erreicht, allerdings zum doppelten Preis. Diese besondere Melange seiner Produkte dürfte eines der Erfolgsgeheimnisse von AMG sein. In diesem Jahr erhielt das Unternehmen für seine Innovationskraft und seine Innovationserfolge übrigens den TOP 100-Award.

Prachtband zum Firmenjubiläum

Es ließen sich noch viele Episoden aus der bewegten Geschichte der Edelschmiede AMG erzählen, die sich laut Aufrecht vom „Automobilfabrikle zur Automobilfabrik“ entwickelte und seit 2005 als 100-prozentige Tochter zum Daimler-Konzern gehört. Wer an dieser Historie und vor allem an den Fahrzeugen Freude hat, ist deshalb bestens mit der äußerst lesenswerten und hochwertig verarbeiteten Monografie zum 50-jährigen Firmenjubiläum von AMG bedient, die jetzt im Motorbuch-Verlag erschienen ist. 

Cover der "auto motor sport"-Sonderausgabe zum 50-jährigen AMG-Jubiläum
Vom Zwei-Mann-Betrieb zur globalen Marke: Die ams erzählt den Aufstieg der Tuning-Größe.

Auf 170 Seiten finden sich 39 zeitgenössische Beiträge von auto motor und sport, beginnend mit dem Mercedes 250 von 1969 bis zum Project One aus diesem Jahr. Darüber hinaus berichten der Firmengründer Aufrecht und der heutige Geschäftsführer Tobias Moers in dem schon zitierten ausführlichen Interview von den Meilensteinen der Geschichte. Aufrecht beschreibt zudem auf schön illustrierten Seiten die zehn wichtigsten Momente der AMG-Motorsportgeschichte .

Das Buch dürfte nicht nur AMG-Fans begeistern, sondern Autofans allgemein und bietet Lesestoff für viele kommende Herbst- und Winterabende.

Autor

Sven Kamerar ist der Leiter der Unternehmenskommunikation bei compamedia. Unter @SKamerar twittert er über alle Themen rund um TOP 100.

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