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In den Fängen der Krake

07. September 2017 Sven Kamerar Lesedauer 4 Minuten

Vor kurzem habe ich mich als Spätberufener bei Facebook registriert – und mein blaues Wunder erlebt, welche Kenntnisse dort bereits über mich vorhanden sind. Woher zum Kuckuck wissen die das alles? Eine Spurensuche.

Das digitale Zeitalter verlangt Facebook-Muffeln einiges ab. Bevor ich vor einigen Tagen den entscheidenden Schritt in das Hier und Jetzt der Freundschaftspflege vollzog, fühlte ich mich oft wie früher an der Bushaltestelle; wenn ich mit Freunden auf den Schulbus wartete und wieder einmal als einziger die Wahnsinns-TV-Serie nicht hatte sehen dürfen. Da stand ich dann rum wie Falschgeld und konnte nicht mitreden.

Als Erwachsener, der von Facebook-Posts zitierenden Kollegen umzingelt ist, wollte ich das nicht noch einmal erleben. Zumal ich mich schon aus beruflichen Gründen nicht länger dem Sog des Netzwerkes entziehen konnte.

Los ging’s also. Nach der Eingabe meines Vor- und Familiennamens und der Mail-Adresse forderte mich Facebook gleich zu einer Aktion auf, „Call to Action“ nennt man das neudeutsch: „Füge Personen hinzu, die Du kennst“.

14 Treffer aus 25 Versuchen - da kann ich nur sagen: „Daumen hoch“. (© nanomanpro / fotolia.com)

Facebook kennt Dich so oder so

Von diesem Augenblick an wusste ich: Es ist völlig unsinnig zu denken, man könne sich der Datenkrake Facebook entziehen, wenn man kein Profil pflegt: Denn von den ersten 25 Personen auf der Vorschlagsliste kannte ich 14. Das ergibt eine Quote von knapp 60 Prozent. Angesichts der weltweit 1,9 Milliarden Nutzer ist es sehr unwahrscheinlich, dass Facebook nur geraten hat. Das wäre ja eine Quote wie beim Lotto!

Besonders verblüffend ist, dass ich mich mit meiner dienstlichen Mail-Adresse registriert habe (weil ich das Profil vor allem beruflich nutzen will), über die ich nicht privat kommuniziere. Wie aber kommt es dann, dass Facebook mir als Kontakte enge Freunde und frühere Kollegen empfiehlt oder eine frühere Auftraggeberin, von der ich nach Ende meiner Selbstständigkeit nie wieder etwas gehört habe? Oder den engen Freund, mit dem ich 1975 eingeschult worden bin?

Von der Nachbarin zur Datenkrake

Das alles versetzt mich in allergrößtes Erstaunen. Zugegeben, ich gehöre einer Generation an, in der sich die Allwissenheit über Menschen noch in anderer Gestalt offenbarte: zum Beispiel in der Person unserer Nachbarin, als ich noch zu Hause bei meinen Eltern lebte. Wann immer im Ort Gerüchte über Beziehungswechsel oder persönliche Schicksale kursierten, brauchte es nur den Gang über die Straße, um verlässliche Informationen zu bekommen. Meine Mutter kam stets bestens informiert von den Besuchen zurück, denn selbstverständlich hatte die Nachbarin die Storys sauber durchrecherchiert. Und natürlich gab es eine klare Quellenlage.

Ich kann ausschließen, dass unsere frühere Nachbarin nun bei Facebook arbeitet. Also: Woher weiß Facebook so etwas, allein auf Basis meines Namens und einer Mail-Adresse, über die ich nie mit den genannten Personen Mails ausgetauscht habe? Und ich habe mich auch nicht mit meinem Smartphone über eine App angemeldet mit Zugriff auf mein Adressbuch, sondern über einen normalen Desktop-Rechner.

Der Facebook-Algorithmus funktioniert perfekt – obwohl ich nie zuvor ein Profil besessen habe, weiß der Social Media Gigant ganz genau, in welchem Netzwerk ich mich bewege. (© Vitaly / fotolia.com)

Die Jagd nach der Antwort

Meine Erkundigungen bei den Digital Natives im Kollegenkreis ergeben nur Achselzucken, ja fast eine Schicksalsergebenheit gepaart mit einem Hauch Bewunderung – nach dem Motto: „Naja, das ist eben so. Aber Wahnsinn, was die heutzutage können .“

Ich recherchiere also weiter und stoße auf das Sturmgeschütz der Demokratie und sicher auch des Datenschutzes: den SPIEGEL. Es könne „ziemlich peinlich“, ja „richtig gruselig“ werden, „wenn einem das soziale Netzwerk Personen als Freunde vorschlägt, von denen es eigentlich gar nichts wissen kann“, schreibt der Redakteur Jörg Breithut in seinem Beitrag. Aha, ich bin auf der richtigen Spur.

Aber auch Breithut bietet keine Antwort auf meine Frage. Denn er beschreibt nur Fälle, in denen ein Nutzer bereits Freunde hinzugefügt, Posts geliked, Chats geführt oder gar sein Adressbuch hochgeladen hat. Klar, dass dann der Algorithmus zuschlägt. „Link Prediction“ lautet die ziemlich komplizierte Zauberformel. Auch ein Beitrag der Süddeutschen Zeitung führt nicht weiter, sondern beruft sich auf ähnliche Erklärungen.

Die übrige Google-Suche verläuft ebenfalls wenig erquicklich. Das Geheimnis lässt sich nicht lüften. Sollte es also unter den Lesern dieses Blogs auch niemanden geben, der das Rätsel lösen kann, so bleibt mir nur, die Datenkrake zu verwirren, ähnlich, wie es das Ruhrpott-Original Herbert Knebel vorschlägt.

Mal sehen, ob es funktioniert. Aber wahrscheinlich bekomme ich nun nach dem Login Herbert Knebel als Freund serviert …

Autor

Sven Kamerar ist der Leiter der Unternehmenskommunikation bei compamedia. Unter @SKamerar twittert er über alle Themen rund um TOP 100.

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