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Ideenmix mit Potenzial

30. Juni 2016 Sven Kamerar Lesedauer 4 Minuten

Botox schafft es meist nur in die Klatschspalten der Regenbogenpresse. Völlig zu Unrecht: Denn der Einsatz des Nervengifts in der ästhetischen Medizin ist ein Paradebeispiel für wahren Innovationsgeist. Dieser nutzt Bestehendes für neue Anwendungen. Doch wie findet man die richtigen Ideen?

Die Financial Times beschäftigte sich vor einiger Zeit mit dem Wesen des Innovationsmanagements. Wichtigste Erkenntnis des Autors Andrew Hill: „Jeder Unternehmer, der Produkte oder Verfahren von Grund auf neu entwickeln will, wird seine Forschungsabteilung zu vielen nutzlosen Stunden im Labor verdammen.“ Viel besser, so Hill, sei es doch, sich an Bestehendem zu orientieren und dafür neue Anwendungsgebiete zu erschließen. Die Zutaten für Innovationen seien meist schon seit langem vorhanden.

Hill greift mit seinem Beitrag - bewusst oder unbewusst - eine These des österreichischen Nationalökonomen Joseph A. Schumpeter auf. Der formulierte schon vor mehr als 100 Jahren in seiner „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“: „Die allermeisten Erneuerungen, die wir früher oder später überrascht oder erstaunt als solche begreifen, existieren längst. Nur ein kleiner Bruchteil ist wirklich neu. Das Allermeiste ist eine Rekombination aus vorhandenen Ideen und Produkten.“

Alles schon dagewesen

Trotz der unüberschaubaren Flut von scheinbar revolutionären, Von-Grund-auf-neu-Erfindungen hat Schumpeters Erkenntnis nichts von ihrer Relevanz verloren, wie der Innovationsforscher Prof. Dr. Nikolaus Franke von der Wirtschaftsuniversität Wien auf Anfrage bestätigt: „Sehr viele nützliche und sehr erfolgreiche Innovationen sind keine neuen Erfindungen.“ Als Beispiel nennt Franke, der auch wissenschaftlicher Leiter des Innovationswettbewerbs TOP 100 ist, das Smartphone, WhatsApp oder Elektroautos. Diese seien „keine neuen Erfindungen, sondern die kreative und intelligente Neukombination bestehender Technologien.“

Im Grenzfall, so Franke weiter, sei gar keine neue Kombination nötig, sondern „nur“ eine neue Anwendung für ein bestehendes Verfahren oder Produkt. Als Beispiel nennt er Botox: „Das wurde als Medikament gegen bestimmte Bewegungsstörungen entwickelt und vermarktet. Erst danach hat ein Arzt die eigentliche ‚Killerapplikation' gefunden - den Einsatz gegen Falten. Heute ist der Umsatz mit dieser Anwendung viel größer als der originale.“

Für Franke ist Botox kein Einzelfall: „Sehr häufig werden Technologien in ihrem Potenzial nicht voll ausgeschöpft.“ Will heißen: Ideen gibt es also genug, sie finden scheinbar nur nicht den Weg zu ihrer wahren Bestimmung. Was können Unternehmen also tun, um dieses Potenzial auszuschöpfen?

Die richtigen Ideen aufspüren

„Vernetzung“ lautet die Erfolgsformel, das Anzapfen eines möglichst großen Pools an Ideengebern. Neben „Open Innovation“ gewinnt dabei „Crowd Innovation" zunehmend an Bedeutung. Während Open-Innovation zum Beispiel Kunden oder Lieferanten über Ideenwettbewerbe einbindet, geht Crowd-Innovation noch einen Schritt weiter: Die Teilnehmer liefern nicht „nur" eine Idee ab, sondern sie beteiligen sich an der weiteren Umsetzung der Idee, indem sie sich im weiteren Entwicklungsprozess über Online-Plattformen mit anderen Beteiligten austauschen.

Die Arbeit an Innovationen bindet damit zum einen externe kluge Köpfe ein und schafft neue Sichtweisen, wie Andrew Hill in seinem Beitrag schreibt: „An open mind leads to different people.“ Zum anderen könne die Entwicklungsarbeit auch unabhängig vom jeweiligen Standort des Unternehmens geleistet werden, also auch jenseits der bekannten Technologiezentren: „Beyond known innovation hotspots“.

„Patente werden überschätzt“

Eine überraschende Konsequenz dieses Innovationsansatzes nennt die Journalistin Sandra Rauch in einem kürzlich erschienenen Beitrag über Crowd-Innovation in der WirtschaftsWoche: „Wissen langfristig mit Patenten zu schützen, tritt bei Crowd-Innovation in den Hintergrund. Weniger die Idee sichert den Wettbewerbsvorsprung, sondern die Fähigkeit, eine Innovation schnell umzusetzen und erfolgreich auf den Markt zu bringen.“

Professor Franke spitzt das noch zu: „Tendenziell wird die Bedeutung von Patenten von Laien häufig überschätzt." Natürlich gebe es Bereiche, in denen ein Patent äußerst wirksam sei, zum Beispiel in der Pharmabranche. Doch in den meisten Branchen könne die Schutzwirkung von Patenten verhältnismäßig leicht umgangen werden („inventing around“).

„Das bedeutet, dass andere Mechanismen des Schutzes relativ gesehen an Bedeutung gewinnen, also die Geheimhaltung - oder die Geschwindigkeit“, erläutert Franke und verweist besonders auf die digitale Welt: „Häufig haben wir es hier mit Produkten zu tun, bei denen es sogenannte ‚Netzwerkeffekte' gibt, das heißt: Der Nutzen des Produktes hängt von der Zahl seiner Nutzer ab. Wenn es viele nutzen, dann wird es wertvoller, wenn es wenige nutzen, ist es wertlos.“ So sei Facebook weniger wegen der technischen Features wertvoll, „sondern hauptsächlich deshalb, weil es im Social Web Standard ist.“

Forschen bleibt wichtig

Mitarbeiter „klassischer" Forschungs- und Entwicklungsabteilungen sollten jedoch nicht die Köpfe hängenlassen. Denn eines ist für Franke klar: „Neben den genannten Beispielen gibt es, und das ist schon sehr wichtig, natürlich auch Innovationen, die auf echte Forschung und wirkliche Neuerfindungen zurückgehen. Es ist also durchaus sinnvoll, über eine starke F&E- bzw. Technologiekompetenz zu verfügen.“

Die wichtigste Entscheidung zu Beginn eines Innovationsprozesses lautet also: Beginne ich mit einem weißen Blatt Papier die Arbeit an etwas grundsätzlich Neuem oder begebe ich mich mit einem Aufruf an die „Crowd" auf die Suche nach etwas Bestehendem, das auf eine neue Verwendung „wartet“?

Autor

Sven Kamerar ist der Leiter der Unternehmenskommunikation bei compamedia.

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