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Startups und Mittelstand

Frischzellenkur für Unternehmen

12. November 2020 Carsten Häming Lesedauer 8 Minuten

Der Wettbewerbsdruck durch die Globalisierung und Digitalisierung ist groß. Wer als Mittelständler dagegen bestehen will, muss innovativ sein. Eine Möglichkeit, den dafür notwendigen Aufwand abzufedern, ist die Zusammenarbeit mit externen Kompetenzträgern – bis hin zur Übernahme von Startups.

In der Praxis finden sich zahlreiche Möglichkeiten, Innovationen extern zu beschaffen. Hierzu gehören beispielsweise die Auftragsforschung, also die Vergabe von Entwicklungsaufträgen an Forschungseinrichtungen wie das Frauenhofer-Institut, sowie Lizenzierungsmodelle oder strategische Kooperationen. Eine weitere höchst attraktive Alternative stellt die Beteiligung an oder Übernahme von Startups dar.

Es lässt sich jedoch beobachten, dass viele Mittelständler diesen Firmen noch immer reserviert begegnen. Ein hoher Sicherheitsgedanke und mangelnde Beschäftigung mit der Thematik behindern den Prozess. Dabei übersehen sie, dass der Kauf oder die Förderung eines Startups oder die Beteiligung daran weitrechende Vorteile bietet.

Zuallererst profitiert das mittelständische Unternehmen sowohl von den Nutzungs- und Schutzrechten der Innovationen als auch vom Wissen der Mitarbeiter. Weiterhin sind Startups für ihre hohe Flexibilität und schnellen Entscheidungsprozesse bekannt. Neben den Produkt- oder Dienstleistungsinnovationen können somit auch Geschäftsmodellinnovationen und Prozessinnovationen die Folge eines Startup-Kaufes sein. Das ist insbesondere für jene Branchen wichtig, in denen ein hoher Innovationsdruck herrscht. Mittelständische Betriebe können einen Kauf folglich dazu nutzen, sämtliche Geschäftsprozesse in Hinblick auf ihre Optimierbarkeit zu hinterfragen.

Ein Startup zu erwerben und Innovationen zu implementieren lässt sich jedoch eher mit einem Marathon als mit einem Sprint vergleichen. Im Vorfeld müssen viele strategische Überlegungen und Handlungen erfolgen, bis eine Transaktion vollzogen werden kann. Um Mittelständlern eine Orientierung zu geben, wie der Verjüngungsprozess des eigenen Unternehmens ablaufen kann, hat unser Team von der CF-MB einen praxisorientierten Leitfaden entwickelt:

Das Unternehmen des Autors begleitete bereits national und international über 100 Corporate-Finance-Transaktionen. Bild: Screenshot Webseite

Eine Innovationsstrategie aufstellen

Nur wenige deutsche Mittelständler besitzen einen Innovationsmanager oder eine Innovationsmanagement-Abteilung. Um auf lange Sicht die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, ist es jedoch unabdingbar, eine Innovationsstrategie aufzustellen. Als wichtiger Bestandteil der Unternehmensstrategie beschäftigt sie sich anfangs vor allem mit der folgenden Frage: Welche Trends werden in Zukunft meine Branche beeinflussen?

Ist eine Antwort hierauf gefunden, sollte sich das Unternehmen mit den eigenen Stärken und Schwächen auseinandersetzen. Um eine erfolgreiche Innovationsstrategie aufzustellen, ist es von zentraler Wichtigkeit zu wissen, wo die eigenen Kernkompetenzen liegen und mit welchen Produkten / Dienstleistungen das Unternehmen auch zukünftig Geld verdienen kann.

Eine weitere bedeutsame Fragstellung ist, ob Innovationen künftig vorwiegend inkrementeller oder radikaler Natur sein sollen. Werden bestehende Produkte oder Dienstleistungen lediglich verbessert, handelt es sich um inkrementelle Innovationen. Bei dieser schrittweisen Innovationsart lohnt es sich für mittelständische Unternehmen in der Regel, ihre zeitlichen und monetären Ressourcen für die Eigenentwicklung zu verwenden, da die Fachkompetenz intern verfügbar ist. Anders sieht dies bei radikalen Innovationen aus. Für ihre Entwicklung sind Unternehmen oftmals auf externe Unterstützung angewiesen, da sie einen hohen Innovationsgrad aufweisen. Im Ergebnis bieten radikale Innovationen Unternehmenskunden jedoch einen neuen oder erheblich gesteigerten Nutzen.

Identifikation und Bewertung potenzieller Innovationsfelder

Nachdem die allgemeine Stoßrichtung der Innovationsstrategie festgelegt wurde, müssen im nächsten Schritt mögliche Innovationsfelder ausfindig gemacht und hinsichtlich ihres Potenzials bewertet werden. Zur Identifikation eignen sich insbesondere Technologieabende der IHK, Venture-Capital-Veranstaltungen, Venture-Days, freie Technologieberater und Open-Innovation-Plattformen. Auch Mitgliedschaften in Branchenverbänden (zum Beispiel VDI, VDMA, VDA, VDE) kommen in Frage. Methoden, die sich in der Praxis zur Identifikation von Innovationsfeldern etabliert haben, umfassen beispielsweise die Suchfeldmatrix, Trendanalysen und die Szenariotechnik.

Sobald eine größere Zahl an Möglichkeiten identifiziert wurde, beginnt die Selektionsphase, in der wieder verschiedene Techniken und Methoden zur Anwendung kommen können. Für die Bewertung und Auswahl von Innovationsfeldern haben sich in der Praxis die Know-how-Innovationsmatrix oder die Nutzwertanalyse bewährt. Die final ausgewählten Innovationsfelder bilden abschließend den Kern der Innovationsstrategie.

Passende Zielunternehmen identifizieren

In den vorangegangenen Schritten wurde der Grundstein für die Suche eines passenden Startups gelegt. An dieser Stelle angekommen, wartet auf das kaufinteressierte Unternehmen allerdings oftmals der erste Stolperstein. Mittelständler und Startups leben in verschiedenen Welten und verfügen daher über wenig gemeinsame Kontaktpunkte.

Kaum ein Startup-Gründer kennt die vielen Hidden Champions, die meist als hoch spezialisierte Weltmarktführer, in ihrer jeweiligen Nische erfolgreich sind. Die Verbindungsstellen fehlen gewöhnlich, da diese Unternehmen weder medial besonders präsent sind noch anderweitig groß an die Öffentlichkeit treten. Mittelständler wiederum scannen in den wenigsten Fällen den Markt nach neuen Startups in ihrer Branche. Eine Studie des Rationalisierungs- und Innovationszentrums der Deutschen Wirtschaft e. V. aus dem Jahr 2018 zeigt beispielsweise, dass lediglich 27 Prozent der befragten kleinen und mittleren Unternehmen aktiv auf Startups zugehen. In 73 Prozent der Fälle ergeben sich die Kontakte zu Startups eher zufällig und sind nicht von den mittelständischen Unternehmen geplant.

In Bezug auf die Zukunft des eigenen Unternehmens sollten mittelständische Geschäftsführer jedoch nicht auf eine Fügung des Schicksals hoffen. Eine aktive Suche nach passenden Zielunternehmen ist unabdingbar, durchaus auf unterschiedlichen Wegen: Eine Eigenrecherche über einschlägige Plattformen oder Suchmaschinen wie Google kann ebenso zum Ziel führen wie der Austausch mit Gründungszentren von Universitäten. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, einen M&A-Berater zu beauftragen oder die eigenen Kontaktnetzwerke um Hilfe zu fragen. Auch eine Kontaktanbahnung über bestehende Kooperationen, auf Messen oder Veranstaltungen wie Workshops oder Startup-Events ist denkbar.

Darauf sollte bei der Übernahme eines Startups geachtet werden

Der Erwerb eines Startups ist mit Herausforderungen verbunden - keine Frage. Das mittelständische Unternehmen hat im Vergleich zum Startup andere Strukturen, andere Ziele und eine andere Kultur.

Wie bei jeder Unternehmenstransaktion müssen die Geschäftsführer folglich darauf achten, dass der Nutzen die Kosten übersteigt. Dazu gehört es, sich bewusst zu machen, dass die Informations-Asymmetrien zu Beginn der Interaktion außergewöhnlich hoch sind. Im Gegensatz zu etablierten mittelständischen Unternehmen fehlt Startups ein Track Record, was die Einschätzung des Potenzials sowie eines marktgerechten Kaufpreises erschwert.

Zudem darf der Zeitaufwand des Kaufprozesses nicht unterschätzt werden. Sollte das Startup bereits fremdfinanziert sein, müssen beispielsweise Gespräche mit den Altinvestoren geführt werden. Des Weiteren ist der Kauf eines Startups natürlich mit ungleich höheren Kosten verbunden als dies bei einer Kooperation der Fall wäre. Dafür muss das mittelständische Unternehmen jedoch weder Kunden noch wettbewerbsrelevantes Wissen abgeben, welches die Jungunternehmer am Ende der Kooperation für sich nutzen könnten.

Umgekehrt sollte das aufnehmende Unternehmen darauf achten, die Know-how-Träger des Startups noch eine Weile nach der Integration zu beschäftigen. Strategisch kann dies über Earn-out-Klauseln oder durch eine Mehrheitsbeteiligung am Startup (alternativ zu einer vollumfänglichen Übernahme) gelöst werden.

Fazit

Wie sich in der Praxis zeigt, können nicht alle Folgen einer Transaktion antizipiert werden. Dennoch sollten Mittelständler Mut beweisen und über Käufe nachdenken. Etablierte Unternehmen, die fähig sind, das oftmals vorhandene Sicherheitsdenken abzulegen, die zudem eine Toleranz gegenüber Rückschlägen besitzen und eine Offenheit für eine innovationsfreudige Kultur mitbringen, können in hohem Maße von dem Kauf eines Startups profitieren.

Neben aktuellen technischen Kenntnissen bieten Startups eine hohe Motivation und viel Kreativität. Die neuen Impulse haben das Potenzial, beim mittelständischen Unternehmen weitreichende Innovationen hervorzubringen. In der Folge können neue Märkte sowie Kundengruppen erschlossen werden, was wiederrum positive Auswirkungen auf die Wettbewerbsposition hat und schlussendlich zu steigenden Umsätzen führt.

Das Thema Digitalisierung kann durch Startups in vielen Unternehmen beschleunigt werden. Ein oft bemühter Ausspruch, der dem Philosophen Heraklit zugeschrieben wird, lautet: „Nichts ist so beständig wie der Wandel“. Diejenigen mittelständischen Unternehmen, die den Wandel zu ihrem Vorteil nutzen, werden daher langfristig überdauern.

Autor

Carsten Häming ist Geschäftsführender Gesellschafter der Corporate Finance Mittelstandsberatung GmbH in Düsseldorf und verfügt über langjährige Transaktionserfahrung im deutschsprachigen und internationalen Corporate-Finance-Markt. Häming hat diverse Mandanten bei der Akquisition, Unternehmensübernahme und in Sondersituationen begleitet.

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