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Roboter springt über Klippe

Ein Plädoyer gegen Technologie-Feindlichkeit

22. März 2018 Sven Kamerar Lesedauer 4 Minuten

In Arizona hat ein autonom fahrendes Auto eine Radfahrerin tödlich verletzt. Seitdem hyperventilieren weltweit Medien. Nicht wenige sagen das Ende des autonomen Fahrens voraus, bevor die Technologie überhaupt die Erprobungsphase durchlaufen hat. Zeit für ein Gegen-Plädoyer.

Für Niklas Maak von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist die Sache klar: Die Abschaffung des Lenkrads markiere „die Verwandlung des aktiven, seiner Verantwortung bewussten, aktiv handelnden Bürgers in einen dösenden Beifahrer zentral gesteuerter, in ihrem Handeln letztlich kaum noch kontrollierbarer Systeme.“ Nun erwartet man im Feuilleton dieser Zeitung nicht unbedingt technischen Sachverstand. Aber die Schimpftirade gegen „Technofuturismus“, „Lobbyisten der Level-5-Ideologie“, „Algorithmusanbetung“ und „kommerzielle Interessen“ ist derart derb und polemisch, dass man Angst um den technischen Fortschritt bekommen muss, sollten sich derart krude Sichtweisen durchsetzen.

Selbstfahrendes Test-Fahrzeug von Uber
Nach dem Unfall in Arizona hat Uber alle Testfahrten vorerst eingestellt. (© Dllu/wikimedia)

Was ist überhaupt passiert? Das weiß im Augenblick niemand so genau – trotz des weltweiten Aufschreis. Fakt ist, dass bei einem Zusammenstoß eines vermutlich im vollständig autonomen Modus fahrenden Uber-Autos in Arizona eine Radfahrerin getötet worden ist. Die näheren Umstände des Unfalls bleiben im Dunkeln, etwa, ob die Radfahrerin, die ihr Gefährt schob, so plötzlich über die Straße gelaufen ist, dass auch ein menschlicher Pilot außerstande gewesen wäre, sein Fahrzeug abzubremsen oder auszuweichen. „Autonome Autos verlieren ihre Unschuld“ titelt der Fernsehsender n-tv auf jeden Fall schon einmal.

Wahre Motive werden kaschiert

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Sollte es sich erweisen, dass Uber ein autonom fahrendes Fahrzeug aus Marketingzwecken in Situationen eingesetzt hat, die seine technischen Möglichkeiten überfordern, wäre der Vorfall selbst unentschuldbar. Aber es taugte nicht zur Verdammung einer gesamten Technologie.

Leider geschieht aber genau das. Und wieder einmal wird, auch schon vorher, Technologiekritik in den Deckmantel hohen Verantwortungsbewusstseins gekleidet. So von der „Ethik-Kommission für automatisiertes und vernetztes Fahren“ des Bundesverkehrsministeriums. In ihrem Bericht vom Juni 2017 schreibt die Ethik-Kommission: Das „Ziel ist die Verringerung von Schäden bis hin zur vollständigen Vermeidung.“ Wer das schreibt, will in Wirklichkeit kein autonomes Fahren, weil Unfälle nie vermeidbar sein werden.

Wie viele Opfer sind vertretbar?

Immerhin sind sich die Autoren wohl dessen bewusst, denn sie rudern anschließend etwas zurück: „Die Zulassung von automatisierten Systemen ist nur vertretbar, wenn sie im Vergleich zu menschlichen Fahrleistungen zumindest eine Verminderung von Schäden im Sinne einer positiven Risikobilanz verspricht.“ Aber die Frage, welche Verminderung akzeptabel wäre, bleibt offen.

In den Vereinigten Staaten, dem Land des eingangs erwähnten Unfalls, starben 2015 über 800 Radfahrer bei Verkehrsunfällen. Wären 700 denn ethisch vertretbar? Oder 500? Ich vermute: nein. Doch eher 0. Dann aber „Gute Nacht, autonomes Fahren!“

„Bei aller Betroffenheit über Opfer von Unfällen sollten wir aufpassen, dass wir uns in der Bewertung der Konsequenzen von der Vernunft leiten lassen“, mahnt der Innovationsforscher Prof. Dr. Nikolaus Franke.

Navigationsgerät im Auto
Entmündigung oder Erleichterung? Gerade im Stadtverkehr sind Navigationssysteme ein Segen. (©nithid18/fotolia)

Unbehagen und Angst im Angesicht des Neuen

Wenn die FAZ in ihrem Beitrag Angst vor „dösenden Beifahrern“ anstelle aktiver Lenker äußert, dann sind ihr wahrscheinlich auch Navigationssysteme, Taschenrechner und Fahrstühle, ja nicht zuletzt Fernseher und Radios unheimlich. Sie und viele andere Technologien entbinden den Menschen von Tätigkeiten und Denkvorgängen, die sie bis dahin selbst zu erledigen hatten. So ist das eben mit dem Fortschritt.

„Wir sind es gewohnt, dass es einen Fahrer gibt. Die Vorstellung, dass ein Auto allein fährt, ist ungewohnt und Neues erzeugt zunächst Unbehagen“, kommentiert Franke. Er verweist im Gespräch auf das Beispiel Fahrstuhl: „Vor einigen Jahrzehnten gab es in jedem Aufzug einen Liftboy oder Aufzugführer. Als sie durch Knopfbedienungen ersetzt wurden, hat das die Menschen zunächst verunsichert. Alleine Lift fahren?“

In diesem Zusammenhang tritt laut Franke ein zweites Phänomen auf: der Availability-Bias. „Je stärker über einen Unfall in den Medien berichtet wird, desto größer wird das Risiko empfunden. Aufgrund dieser Wahrnehmungsverzerrung haben die Menschen mehr Angst vor Haien als vor dem Ertrinken und mehr Angst vor Terroranschlägen als vor dem Ausrutschen in der Dusche.“

Diskussion über die gesellschaftlichen Folgen

Die positiven gesellschaftlichen Folgen des autonomen Fahrens blenden Kritiker wie der Feuilletonist aus Frankfurt zudem komplett aus. Jeder, der in seiner Familie Diskussionen über das Autofahren von Angehörigen im fortgeschrittenen Alter zu führen hat, sehnt die Zeit herbei, in der sich betagte Menschen in ein Auto setzen, per Sprachbefehl ein Ziel eingeben und losdüsen können. Sie wären keine „dösenden Beifahrer“, wie sie Niklas Maak böswillig tituliert, sondern mobile Rentner, denen die Freiheit individueller Mobilität zurückgegeben würde.

Dampfmaschine
Der Fortschritt fordert seine Opfer – das galt auch schon für die ersten Dampfmaschinen. (©dbluemer/pixabay)

Zu guter Letzt möchte ich noch einen Hinweis geben, den mir manche Leser vielleicht übel nehmen werden. Aber: Leider ist es so, dass die Entwicklung, Einführung und gerade schnelle Verbreitung neuer Technologien immer schon Opfer gefordert hat. So kostete die Erfindung oder besser gesagt: der Betrieb der ersten Dampfmaschinen zwischen 1877 und 1905 rund 320 Menschen im Deutschen Reich das Leben. Oder nehmen wir Louis Washkansky: Ihm pflanzte der südafrikanische Chirurg Christiaan Bernard 1967 ein neues Herz ein. Washkansky überlebte die Operation jedoch nur ganze 18 Tage. Hätten wir diese Rückschläge als Anlässe genommen, die Innovationen zu verwerfen, wo wäre die Menschheit heute?

 

Mehr zum Thema lesen Sie hier:

- Autonomes Fliegen: Wie real ist der Traum vom Lufttaxi?

- Intelligente Gebäude: Gratwanderung zwischen Fortschritt und Privatsphäre

- Digitalisierung, Globalisierung, Klimawandel: Warum wir trotz allem ab und zu innehalten sollten

Autor

Sven Kamerar ist der Leiter der Unternehmenskommunikation bei compamedia. Unter @SKamerar twittert er über alle Themen rund um TOP 100.

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