Die mausgraue Welt der Elektroautos

Am Puls der Zeit
bleiben: mit dem
TOP 100-Blog

Die mausgraue Welt der Elektroautos

01. September 2016 Sven Kamerar Lesedauer 4 Minuten

Wer ein Elektro- oder Hybridauto fahren möchte, der braucht vor allem eines: ein sonniges Gemüt. Denn die Branche offeriert eine „Farb“-Auswahl, die einen in den Selbstmord treibt. Ein Weckruf an die Hersteller.

Sicher erinnern Sie sich an den wunderbaren Loriot-Sketch: Herr Blöhmann soll bei der Eheberatung die Frage nach seiner Lieblingsfarbe beantworten. Die Antwort ist Legende: „Grau, aber nicht so grau. Mehr grün-grau. Ins bräunliche. Eine Art Braun-Grau mit Grün. Ein Braun-Grün-Grau."

Hier erhält "50 shades of grey" eine völlig neue Bedeutung

Erstaunlicherweise haben es gleich mehrere Alter Egos dieses Mannes in die Design- und Marketing-Abteilungen von Autoherstellern geschafft. Nicht anders ist das trostlose Bild zu erklären, das sich dem interessierten Kunden bietet, wenn er ein Elektro- oder Hybridfahrzeug bestellen möchte. Während für gängige Modelle eine bunte Farbenwelt verfügbar ist, dominieren bei diesen Nischenmodellen triste Novemberfarben.

Beispiel BMW: Den i3 gibt es nur in „Ionic Silver“ (also Grau), „Platinsilber“ (also auch Grau), „Mineralgrau“ (nochmal Grau), Weiß, Schwarz und – in der teureren, leistungsstärkeren Motorisierung – immerhin auch in Blau.

Bei Renault dauert es zunächst eine Weile, bis man den auf der Webseite unscheinbar platzierten Konfigurator findet und dann nach längerem Scrollen auf den elektrischen Zoe trifft. Die Farben? „Neptun-Grau“, „Arktis Weiß“, „Perlmutt-Weiß“ und auch hier ein Blau. Selbst ein Schwarz gibt es nur für bestimmte Varianten.

Grau. Hellgrau. Oder doch eher ein dunkles weiß?(© Volkswagen)

VW hat sich für seinen eGolf ein paar besondere Grautöne ausgedacht: „Uranograu“, „Limestone Grey Metallic“, „Tungsten Silver Metallic“ und „Reflexsilber Metallic“. Daneben gibt es Schwarz und Weiß und, Sie ahnen es, Blau.

Für Opel lässt sich keine Aussage treffen, da der Autokonfigurator zwar 30 verschiedene Modelle anbietet, aber nicht den elektrischen Ampera. Ein Bild auf der Startseite präsentiert ihn in einem kräftigen Gelb. Das lässt hoffen.

Auch beim Platzhirschen Toyota, der 1997 mit dem Prius Pioniergeschichte für Hybridfahrzeuge schrieb, sieht es nicht viel bunter aus: In der vierten Generation gibt es den Prius in „Marlingrau“, „Platinsilber“ (also wieder Grau), „Schneeweiß“, „Novaweiß“, „Tiefschwarz“ und dann, natürlich, Blau. Aber: „Tiefblau“. Immerhin haben die Japaner in jüngster Zeit ein „Granatapfelrotmetallic“ eingeführt – gegen einen saftigen Aufpreis von 780 Euro.

Und was ist mit dem großen Disrupter der Zunft: Tesla? Außer einem dankenswerterweise verfügbaren ansehnlichen Rot und einem – Überraschung – auch hier angebotenen Blau gibt es nur Grau, Schwarz, Weiß und Silber. Wie bei den anderen.

Premium- und Luxus-Segment als Ausweg

Diese Tristesse ist umso unverständlicher, als die digitale Welt doch genau das Gegenteil verkörpert. Man muss sich nur die bunten Logos von Google oder eBay anschauen oder in die hippen Büroumgebungen des Silicon Valley blicken: Der Aufbruch in die digitale Zukunft ist bunt. Und die Autohersteller sollten ihren Kunden den Aufbruch in diese Zukunft mit appetitlichen Farben schmackhaft machen.

So wie Mercedes. Ausgerechnet die Marke, die seit 80 Jahren den Kult um die Farbe Grau (vornehm: Silber) pflegt und ihre Sportwagen entsprechend tauft („Silberpfeile“), ausgerechnet diese Marke überrascht mich zum Abschluss meiner Recherche: Gleich für verschiedene Modelle gibt es „Jupiterrot“, „Elbaitgrün“ und, halten Sie sich fest, „Südseeblau“ – ich habe Tränen in den Augen. Alles gegen üppige Aufpreise. Aber geschenkt.

So bleibt mir der letzte Ausweg im wahrsten Sinne des Wortes erspart: der hybridgetriebene Ferrari LaFerrari Spider, auf den wir uns kommendes Jahr freuen dürfen. Ihn wird Ferrari sicherlich, abgesehen vom legendären Ferrari-Rot, in ähnlich farbenfrohen Aufmachungen präsentieren wie seinen Vorgänger, das geschlossene Coupé. Zum Beispiel in einem saftigen Grün, einem beherzten Gelb oder einem fruchtigen Orange.

Bunt, aber teuer: der grüne "LaFerrari Spider" (Quelle: Youtube)

Bei ihm gäbe es, abgesehen vom kolportierten Kaufpreis von 2,4 Millionen Euro, sowieso zwei Probleme: Zum einen kann man nicht einfach zum örtlichen Händler marschieren und einen bestellen. Vielmehr muss ich am Telefon sitzen und warten, bis Ferrari mich anruft und für würdig erklärt, einen zu erwerben. Und zum anderen wird sich mein örtlicher Ferrari-Händler wie beim Vorgänger weigern, zu einem gebührenden Preis meinen Smart in Zahlung zu nehmen. 

Letzterer ist übrigens goldfarben – nur damit Händler wissen, worauf sich einrichten müssen, wenn ich mit meinen Farbwünschen durch die Tür spaziere. 

Autor

Sven Kamerar ist der Leiter der Unternehmenskommunikation bei compamedia. Unter @SKamerar twittert er über alle Themen rund um TOP 100.

E-Mail schreiben

Kommentare

Kommentar verfassen

*Wird nicht veröffentlicht

Über uns

TOP 100 ist die Auszeichnung für Deutschlands innovativste Mittelständler.

Unser Innovationsblog inspiriert unsere Leser dazu, wie die TOP 100 innovativ und kreativ zu denken und auf diese Weise mutig die Zukunft zu gestalten.

Highlights

Mit der Blue-Ocean-Strategie zum Erfolg
27. April 2017
Schrecken und Chancen der Disruption
06. Februar 2017
Die Senkrechtstarter der Start-up-Szene
11. Januar 2017
Universitäten als Ideenfabriken für den Mittelstand
22. September 2016
Innovationsmarketing: Nur keine falsche Bescheidenheit
05. September 2016

Impressionen des
4. Deutschen
Mittelstands-Summit

Zur Galerie

Den
TOP 100-Blog
abonnieren

Zum RSS-Feed