Am Puls der Zeit
bleiben: mit dem
TOP 100-Blog

Frau liegt in einer Hängematte

Die 25-Stunden-Woche

03. Mai 2018 Pascal Simon Lesedauer 4 Minuten

Warum acht Stunden täglich arbeiten, wenn sich dasselbe Pensum auch in fünf erledigen lässt? In Bielefeld erprobt der IT-Unternehmer Lasse Rheingans ein innovatives Arbeitszeitmodell. Die Idee: Wer mehr Freizeit hat, ist während der Arbeit effektiver und kreativer. Geht diese Rechnung auf?

Im Jahr 1914 sorgte der US-Unternehmer Henry Ford für eine echte Innovation in der Arbeitswelt: Er verkürzte die Arbeitszeit seiner Werksarbeiter auf acht Stunden pro Tag. Ein gewagter Schritt für die damalige Zeit, doch nach und nach folgten viele Unternehmer auf der ganzen Welt seinem Beispiel. In Deutschland ist der Achtstundentag seit 1918 im Gesetz verankert.

100 Jahre später gibt es erste Anzeichen für eine neuerliche Revolution: den Fünfstundentag. Und erneut war es ein Amerikaner, der den ersten Impuls setzte. Bereits 2015 reduzierte Stephan Aarstol, Inhaber einer kleinen Firma für Stand-Up Paddle-Boards, die wöchentliche Arbeitszeit seiner Mitarbeiter von acht auf fünf Stunden – bei gleichem Gehalt. Quasi über Nacht stiegen die Stundenlöhne von 20 US-Dollar auf 38,40 US-Dollar.

Mehr Freizeit = Mehr Kreativität

Hinter dieser außergewöhnlichen Maßnahme steht die Überzeugung, dass kaum ein Mitarbeiter tatsächlich in der Lage ist, acht Stunden konzentriert durchzuarbeiten. Ab einem gewissen zeitlichen Arbeitspensum, schreibt Aarstol in einem Gastbeitrag für das US-Magazin „Fast Company“, ließen Produktivität und Motivation eines Mitarbeiters deutlich nach. Genau diese unproduktiven Stunden möchte der Firmenchef mit seinem Modell einsparen.

Motiviertere und damit auch leistungsfähigere Mitarbeiter durch mehr Freizeitausgleich – diese Idee wird inzwischen auch in Deutschland ausprobiert. Seit Oktober vergangenen Jahres schickt Lasse Rheingans, Inhaber der Bielefelder IT-Agentur „Rheingans Digital Enabler“, seine Angestellten bereits um 13 Uhr nach Hause.

junger Mann arbeitet am Laptop
Nur fünf Stunden Arbeit pro Tag – dafür aber bei vollster Konzentration. Schließlich bleibt das Arbeitspensum auch weiterhin dasselbe. (© pressmaster / fotolia.com)

Dabei stieß der Unternehmer bei seiner Belegschaft zunächst auf Skepsis: „Im ersten Moment hat sich das Team natürlich gefragt: ‚Spinnt der, wie sollen wir das denn schaffen?‘ […] Sie glaubten nicht, dass sie das Arbeitspensum in fünf Stunden schaffen würden“, sagte Rheingans jüngst im Interview mit dem Unternehmermagazin impulse.

Effizienz ist gefordert

Dieselbe Arbeit in gut der Hälfte der Zeit zu erledigen, ist das überhaupt möglich? Wenn es nach Rheingans und Aarstol geht: ja! Damit das funktioniert, müssen Angestellte in den fünf Stunden jedoch hochkonzentriert und strukturiert durcharbeiten. Kaffeepausen fallen ebenso weg wie der Blick auf die privaten Social-Media-Kanäle. Auch andere Zeitfresser werden so gut es geht eliminiert: Zweimal pro Tag checken Rheingans‘ Mitarbeiter ihre E-Mails, danach wird das Programm abgeschaltet – zu viel Ablenkung.

Homepage Rheingans Digital Enabler
Innovative Arbeitszeitregelung als Trumpf im Employer Branding – seit Digital Enabler seinen Arbeitstag verkürzt hat, trudeln reihenweise Bewerbungen ein. (© eigener Screenshot)

Für Rheingans scheint sich das Experiment mit dem innovativen Arbeitszeitmodell auszuzahlen. Die ursprünglich nur bis zum Februar dieses Jahres geplante Testphase wurde verlängert. Noch immer wirbt der IT-Dienstleister auf seiner Homepage mit dem Versprechen eines Fünfstundentages um qualifizierte Fachkräfte. In Zeiten der anhaltenden Diskussion um die richtige Work-Life-Balance ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Da wundert es auch nicht, dass Rheingans im Interview von rund 200 Initiativbewerbungen berichtet, die im Laufe der letzten Monate bei ihm eingegangen seien.

Nicht überall ein Erfolgsmodell

Doch nicht überall sind Experimente zur Verkürzung der Arbeitszeit von Erfolg gekrönt. Im schwedischen Göteborg etwa wurde eines der ersten Pilotprojekte dieser Art kürzlich eingestellt. Über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg durften die Pflegekräfte eines Altenheims bereits nach sechs statt nach acht Stunden ihren Feierabend genießen. Ziel des Projekts war es, die Krankenrate des Personals durch einen stärkeren Freizeitausgleich zu senken. Die Ergebnisse der begleitend durchgeführten Studie zeichnen jedoch ein ernüchterndes Ergebnis: nur 0,6 Prozent weniger krankheitsbedingte Fehlzeiten registrierte die Personalabteilung im Vergleich zum klassischen Arbeitszeitmodell. Auf der anderen Seite mussten 17 neue Pflegekräfte eingestellt werden, um die verkürzte Arbeitszeit aufzufangen.

Diese Kostenexplosion kann jedoch kaum überraschen. In Pflegeheimen müssen die Bewohner rund um die Uhr betreut werden, „unproduktive Arbeitszeiten“, die einfach weggekürzt werden können, gibt es hier nicht. Es scheint also, als sei der Fünfstundetag vor allem ein Modell für Branchen, in denen es weniger auf Präsenz, als vielmehr auf die Entwicklung kreativer Lösungen ankommt. Und das gelingt manchmal besser, wenn man seine Zeit mit Freunden und Familie statt mit Grübeln am Schreibtisch verbringt. Oder in den Worten von Lasse Rheingans im Gespräch mit der „Zeit“: „Man muss die Leute auch mal durch den Wald laufen lassen.“

Autor

Pascal Simon ist Redaktionsleiter des TOP 100-Blogs und PR-Berater bei compamedia

E-Mail schreiben

Kommentare

Kommentar verfassen

*Wird nicht veröffentlicht

Über uns

TOP 100 ist die Auszeichnung für Deutschlands innovativste Mittelständler.

Unser Innovationsblog inspiriert unsere Leser dazu, wie die TOP 100 innovativ und kreativ zu denken und auf diese Weise mutig die Zukunft zu gestalten.

Highlights

Da fliegt mir doch das Blech weg!
15. Januar 2018
Mit diesen Start-ups sollten Sie rechnen
11. Januar 2018
Craft Beer: So punkten die Kleinen in einem schwierigen Markt
02. November 2017
Mit der Blue-Ocean-Strategie zum Erfolg
27. April 2017
Schrecken und Chancen der Disruption
06. Februar 2017

Impressionen des
4. Deutschen
Mittelstands-Summit

Zur Galerie

Den
TOP 100-Blog
abonnieren

Zum RSS-Feed