Der sanfte Carlo

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Der sanfte Carlo

27. Oktober 2016 Pascal Simon Lesedauer 4 Minuten

Wie werden aus Diven wie Cristiano Ronaldo oder Zlatan Ibrahimovic echte Teamplayer? Indem man ihr Vertrauen gewinnt. Das schreibt zumindest ihr ehemaliger Trainer Carlo Ancelotti in seinem neuen Buch „Quiet Leadership“.

Starre Hierarchien, festgefahrene Strukturen und ein strikter Renditefokus – laut einer aktuellen Untersuchung von Bundesregierung und DGB sind das Relikte einer veralteten Führungskultur. Die 400 Befragten der Studie – allesamt Führungskräfte deutscher Unternehmen – plädieren dafür, Angestellten mehr kreative Freiräume zu geben und eigenverantwortliches Handeln zu fördern. Anders gesagt: der Mitarbeiter müsse wieder mehr als Mensch, denn als menschliche Ressource verstanden werden.  

Es hat den Anschein, als wären diese Ergebnisse auch in der Säbener Straße auf breite Zustimmung gestoßen. Wie sonst ist es zu erklären, dass der FC Bayern München seinen taktikverliebten und im menschlichen Umgang oft etwas sperrigen Trainer Pep Guardiola ausgerechnet durch Carlo Ancelotti ersetzt? Dem 57-jährigen Italiener eilt der Ruf voraus, seine Spieler insbesondere durch sein Einfühlungsvermögen zur Höchstleistung zu motivieren.

Das höchste Gut: Vertrauen

Anders als viele seiner Kollegen hatte Ancelotti das Glück, in seiner Trainerlaufbahn fast ausnahmslos Top-Clubs zu trainieren. Ob beim AC Milan, Juventus Turin, Chelsea London, Paris Saint Germain oder Real Madrid – überall standen ihm eine ganze Reihe Ausnahmefußballer zur Verfügung, überall führte er sie nach demselben Muster. Ancelotti, das wird in seinem Buch schnell klar, zählt nicht zur Riege der „Laptop-Trainer“, die ihr Team mithilfe akribisch recherchierter Daten und Statistiken auf den nächsten Gegner vorbereiten. Ancelotti ist ein Gefühlsmensch. In vielen Gesprächen sucht er das Vertrauen der Spieler. So vermittelt Ancelotti – anders als Guardiola – seine Spielidee weniger durch Anweisungen, als viel mehr durch Überzeugung.

Wie gut ihm das gelingt, dokumentieren die zahlreichen Gastbeiträge der bekanntesten Weggefährten des Italieners. „Er ist nicht nur dein Trainer, er ist dein Freund“, schreibt beispielsweise Stürmerstar Zlatan Ibrahimovic, der in Paris unter Ancelotti spielte. Und Altmeister David Beckham meint: „Seine Spieler wollen einfach für ihn spielen und gewinnen.“ 

Wie eng die Verbindung zwischen Ancelotti und seinen Spielern war, zeigt die Szene seines Weggangs vom AC Milan. So berichtet David Beckham wie die Abschiedsansprache seines damaligen Trainers die Spieler in der Kabine zu Tränen gerührt habe. Paolo Maldini, Alessandro Nesta und Gennaro Gattuso – alle aufgrund ihrer Spielweise nicht gerade bekannt für ihre sensible Ader – „heulten wie die Schlosshunde“.

Zum Heulen: Das legendäre CL-Finale 2005 zwischen dem FC Liverpool und Ancelottis Rossonieri

Führungsspieler einbinden

Die Strategie der „Quiet Leadership“ fokussiert jedoch nicht nur auf das Verhältnis zwischen Spieler und Trainer. Auch innerhalb des Teams müsse eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens herrschen. Wie ernst es Ancelotti hiermit ist, zeigt eine Episode aus seiner Pariser Zeit, als er eigens ein Restaurant für Spieler und Betreuer auf dem Vereinsgelände errichten ließ. Seine Überlegung: „Ich wollte, dass die Spieler auch außerhalb des Platzes Zeit miteinander verbringen.“ 

Eine gute Stimmung im Team ist für Ancelotti jedoch kein Selbstzweck. Für ihn ist das gegenseitige Vertrauensverhältnis viel mehr notwendige Voraussetzung dafür, dass seine Vorgaben umgesetzt werden. So kann er es sich auch erlauben, zentrale Aufgaben an seine Führungsspieler zu delegieren. Auch hierfür hält der Italiener die passende Anekdote parat, diesmal aus seiner Zeit in der Premier League. Damals überließ es der Trainer seinem damaligen Kapitän John Terry Neuzugang Didier Drogba dessen „Fallsucht“ auszutreiben. Ein kluger Schachzug auch deshalb, weil Terry als Chelsea-Urgestein das strikte Fair-Play Verständnis der Engländer deutlich eindrucksvoller vermitteln konnte als Ancelotti selbst.

Aufeinanderprallen der Führungskulturen

Harter Hund: Real-Präsident Florentino Perez führt den Club mit eiserner Hand. (© Mohan, www.dohastadiumplusqatar.com)

Blickt man auf die Trainerlaufbahn Ancelottis, fällt auf: Sein sanfter Führungsstil führte den Italiener nicht nur zu zahlreichen Erfolgen, sondern wurde ihm auch ein ums andere Mal zum Verhängnis.

Tatsächlich ergab sich bei seinen letzten drei Stationen in London, Paris und Madrid ein ähnliches Bild: Ancelotti wurde geholt, um mit seiner ruhigen Art interne Wogen zu glätten.

Nachdem ihm das gelungen war und sich erste Erfolge einstellten, begannen jedoch die Probleme mit den Klubbossen. Denn sowohl Roman Abramowitsch (Chelsea), als auch Nasser Al-Khelaifi (Paris) oder Florentino Perez (Real Madrid) waren oft der Ansicht, Ancelotti sei schlicht zu nett zu seinen Spielern.

Ihm fehle die nötige Härte, um das Optimum aus dem jeweils luxuriös bestückten Kader herauszuholen. 
 

Trotz seiner großen Fertigkeiten als Vermittler endete dieses Aufeinanderprallen der Führungsphilosophien immer gleich: mit dem Rauswurf Ancelottis. Zwischen den Zeilen seines Buchs wird deutlich, dass diese Misserfolge den Italiener nicht kalt gelassen haben. Denn so liebevoll er von seinen Spielern und seiner Zeit beim AC Milan schreibt, so deutlich merkt man ihm die Abneigung gegenüber etwa Roman Abramowitsch an. Es wird spannend zu sehen, wie sich die Bayern-Granden Hoeneß und Rummenigge in diese Erzählung einfügen.

Fazit

„Quiet Leadership“ erzählt von der Laufbahn eines großen Trainers und ist allein deshalb schon lesenswert. Zahlreiche Anekdoten aus dem Umfeld der großen Klubs illustrieren den besonderen Führungsstil des Italieners. Die Parallelen zum Wirtschaftleben liegen auf der Hand: auch hier bahnt sich ein Kulturwandel an, der klassische Hierarchien verschwimmen lässt.  

Autor

Pascal Simon ist Redaktionsleiter des TOP 100-Blogs und Junior PR-Berater bei compamedia

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