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Volocopter-Drohne fligt durch eine futuristische Großstadt.
Volocopter-Drohne fligt durch eine futuristische Großstadt.

Da fliegt mir doch das Blech weg!

15. Januar 2018 Sven Kamerar Lesedauer 5 Minuten

Ein Thema war 2017 bei techniknahen Redaktionen besonders angesagt: fliegende Autos! Gemessen an der Berichterstattung muss das aktuell der heißeste Trend sein. Und das, obwohl Autohersteller derzeit noch nicht einmal vernünftige E-Autos bauen können. Eine Bestandsaufnahme.

Deutsche Behörden und Politiker begrüßen Innovationen gerne mit neuen Gesetzen und Verordnungen. Kaum spielten etwa einige Hobbybastler mit Drohnen herum, erklang der Chor der Mahner und Regulierer. Nun haben wir einen „Drohnenführerschein“, eine „Drohnen-Haftpflichtversicherung“, eine „Drohnen-Plakette“, und das alles regelt eine „Verordnung zur Regelung des Betriebs von unbemannten Fluggeräten“ vom 30. März 2017. Das Tierschutzgesetz wurde aber noch nicht um einen Passus ergänzt, dass Katzen nicht an Drohnen gebunden werden dürfen.

Eine Paketdrohne fliegt über der Stadt
Sind Paketdrohnen wie die von Amazon nur der Anfang? Wenn es nach Lars Thomsen geht, transportieren unbemannte Fluggeräte bald auch Menschen. (© phonlamaiphoto / fotolia.com)

Dafür gibt es andere schlechte Nachrichten für die Mahner und Warner: Bald fliegen nicht nur Drohnen aus dem Baumarkt herum, sondern ganze Autos – oder jedenfalls Flugobjekte, die den Individualverkehr in die dritte Dimension verlagern. Das meint jedenfalls der Schweizer Zukunftsforscher Lars Thomsen, den die Zeitung „Die WELT“ für einen lesenswerten Beitrag interviewt hat.

Deutsche Firmen vorne mit dabei

„Das Flugauto ist keine ferne Utopie mehr, sondern greifbare Technik“, sagt Thomsen. Er betont aber, dass schon der Begriff „Auto“ falsch gewählt sei, weil es eher um Drohnen gehe als um herkömmliche Pkw, die sich auf Knopfdruck in James-Bond-Manier in fliegende Objekte verwandelten.

Wie dem auch sei: In Dubai braucht man jedenfalls keinen Zukunftsforscher: Die umtriebigen Araber haben in gewohnt hemdsärmeliger Manier einfach gleich mal ein Flugtaxi entwickeln und bauen lassen, das zudem autonom fliegt – mit tatkräftiger Unterstützung des Badener Mittelständlers Volocopter. Im September 2017 fand der Jungfernflug des „Autonomous Air Taxi“ statt. Der anwesende Kronprinz Scheich Hamdan bin Mohammed blieb allerdings lieber am Boden. Auch sonst fand sich kein Passagier. Vermutlich überlässt man die Erprobung später Touristen.

Ein Münchener Start-up ist ebenfalls ganz vorne dabei, wenn es um Mobilität in neuer Dimension geht: die Lilium GmbH. Noch fliegt auch deren elektrisch betriebener, vertikal startender „Lilium Jet“ menschenleer über die Homepage, aber für 2019 ist der erste bemannte Flug avisiert. Ab 2025 stellt das Unternehmen die Anmietung von Jets für jedermann in Aussicht. An dem Start-up ist übrigens TOP 100-Juror und „Fernseh-Löwe“ Frank Thelen mit 15 Prozent beteiligt.

Flugautos kurz vor dem Durchbruch?

Vergangenen September präsentierten außerdem weitere Firmen Studien oder Prototypen von bald als serienreif angekündigten Flugobjekten auf der Automesse IAA. Und mit Airbus, das zusammen mit Italdesign schon auf dem Genfer Autosalon 2017 einen fliegenden Prototypen vorgestellt hatte, ist auch ein Big Player mit von der Partie. Stehen fliegende Autos (bleiben wir bei dem Begriff) also vor dem Durchbruch?

Selbstfahrendes Auto bremst selbstständig vor einem Fußgänger
Fußgänger als Verkehrsrüpel? Für Aric Dromi liegt darin die größte Gefahr für das autonome Fahren. (© fotohansel / fotolia.com)

In den Medien diskutieren Experten eifrig über die Frage. Der „Chief Futurologist“ von Volvo, Aric Dromi, erwartet, dass sich fliegende Autos sogar schneller und flächendeckender durchsetzen werden als „herkömmliche“ autonom fahrende Autos. Den originellen Grund für die Annahme, dass es besonders in Städten nicht mit selbstfahrenden Autos klappen werde, gab er der FAZ zu Protokoll: „In Schweden, wo ich wohne, sind die Fußgänger die übelsten Verkehrsrüpel. Schon jetzt hält sich kaum jemand an Zebrastreifen oder wartet an der Ampel auf Grün (…). Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn alle Fußgänger wissen, dass die Autos auf jeden Fall von selbst bremsen werden, sobald jemand auch nur einen Fuß auf die Straße setzt. Jeder macht, was er will, keiner hält sich mehr an Regeln (…).“

Chaosvermeidung zu Carsharing-Preisen

Die Autos wiederum, so Dromi, würden sich dann infolge eines Vorfalls gegenseitig einbremsen: „Das setzt sich dann unendlich fort, bis die Stadt komplett lahmliegt.“ Hier klingt die Sorge vor dem berühmten Flügelschlag des Schmetterlings in China an, der der Chaos-Theorie zu ihrem Durchbruch verhalf.

Auch Thomsen erwartet langfristig einen Erfolg fliegender Mobile, wie die WELT in dem bereits genannten Beitrag berichtet: Denn neben einer Entlastung verstopfter Straßen gäbe es auch klare Kostenvorteile: So koste eine Minute mit dem Hubschrauber 25 Euro, eine autonome, elektrische Drohne fliege aber schon für 25 Cent. „Das bewegt sich auf dem Niveau eines Carsharing-Mobils, nur dass man dann nicht mehr im Stau stehen muss“, zitiert die Zeitung den Wissenschaftler.

Droht ein „Red Flag Act“ des 21. Jahrhunderts?

Kann also etwas den Siegeszug der fliegenden Kisten aufhalten? Auf jeden Fall die Behörden! Das ist nicht neu: Wir erinnern uns an den „Red Flag Act“ von 1865, mit dem das britische Parlament Chauffeure von Dampfwagen dazu verdonnerte, vor ihrem Fahrzeug einen Mann mit einer roten Flagge laufen zu lassen. Mit diesem Trick setzten die Behörden ein Tempolimit durch, das bei Schrittgeschwindigkeit lag, und bremsten den ungeliebten Verkehr ein. Dennoch starben laut Wikipedia noch zehn Jahre später fast 1.600 Menschen im Straßenverkehr. Wie viele Flaggenläufer darunter waren, die von den hinter ihnen fahrenden Gefährten nach Bedienfehlern überfahren wurden, ist nicht überliefert.

Experten erwarten jedenfalls zumindest in den Industrienationen ein langes Ringen um behördliche Regelungen. Dabei darf allerdings eines nicht übersehen werden: Zu dem Zeitpunkt, zu dem die Flugmobile ihre Reife als massentaugliches Verkehrsmittel erreicht haben werden, dürften auch die Anti-Kollisions- und autonomen Steuerungsprozesse so weit fortgeschritten sein, dass weniger der Gesetzgeber als vielmehr die Rechner den Verkehr regeln. Schließlich verlor auch der Red-Flag-Act Ende des 19. Jahrhunderts an Bedeutung, also sich Autos mit Hupen etablierten und die Technik insgesamt voranschritt. Der Zukunftsforscher Thomsen hält die Diskussion über Risiken eh für übertrieben: „Wer einmal auf dem Fahrrad durch die Großstadt gefahren ist, kennt ohnehin keine Angst mehr.“

 

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Autor

Sven Kamerar ist der Leiter der Unternehmenskommunikation bei compamedia. Unter @SKamerar twittert er über alle Themen rund um TOP 100.

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