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Crowdsourcing: Methode für Innovationen

Crowdsourcing: die Lösung für alle Innovationsprobleme?

12. März 2020 Prof. Dr. Nikolaus Franke Lesedauer 4 Minuten

So unterschiedlich die NASA, Coca-Cola und Greenpeace auch sein mögen, sie haben eines gemeinsam: Sie setzen auf Crowdsourcing, um ihre Innovativität zu stärken. Die Erfolge dieser Methode haben zu einer raschen Verbreitung entsprechender Angebote geführt. Aber ist sie tatsächlich eine „Wunderwaffe“?

Die Grundidee von Crowdsourcing ist einfach: Eine Organisation veröffentlicht eine Problemstellung, zu der innovative Lösungen gesucht werden, und sie schreibt einen Preis für das beste Konzept aus. Jeder, der will, kann mitmachen und Ideen einreichen. Am Ende wird die beste Lösung prämiert. Jeff Howe prägte dafür 2006 den Begriff „Crowdsourcing“: Man bedient sich („sourced“) aus der anonymen Masse, der „Crowd“.

Doch das Prinzip ist viel älter. Schon im Jahr 1714 suchte die britische Regierung beispielsweise eine Lösung für das Problem, dass Seeleute den Längengrad auf dem Meer nicht zuverlässig berechnen konnten. Die Folge von Falschmessungen waren durchschnittlich rund 1.000 Tote pro Jahr – ein schwerwiegendes Problem also, zu dem man intern keine Lösung finden konnte.

Während die Fachleute Sternbeobachtungen und Planetenbahnen als vielversprechend ansahen, kam die Gewinnerlösung aus einer gänzlich unerwarteten Richtung: Der Uhrmacher John Harrison schuf eine ganggenaue und schiffstaugliche Uhr, mit deren Hilfe Seefahrer den Längengrad genau bestimmen konnten.

Den Längengrad richtig berechnen – das ist für Seeleute überlebenswichtig. Bild: Alvov/Adobe Stock

Crowdsourcing: mega erfolgreich dank ständiger Connectedness

Soweit zur Historie. Der Boom in jüngster Zeit dürfte an den gesunkenen Transaktionskosten der Kommunikation liegen. Im Zeitalter von Internet und Connectedness (Verbundenheit) ist es einfacher als je zuvor, die Masse, also eine Vielzahl an potenziellen Problemlösern, zu erreichen. 

Ein zweiter Grund sind die spektakulären Erfolge. So suchte beispielsweise die NASA einen verbesserten Algorithmus zur Nukleotidsequenz-Ausrichtung im Bereich Immunogenomics. Die beste über Crowdsourcing ermittelte Lösung übertraf die Leistungsstärke der intern entwickelten Verfahren um sage und schreibe eine Million Prozent. 

Wie kommt es zu solchen Resultaten? Zwei Prinzipien erklären die überlegene Lösungskraft von Crowdsourcing-Wettbewerben im Vergleich zu internen Lösungen: 

1. Prinzip: Die Selbstselektion 

Es ist unwahrscheinlich, dass die internen „Zuständigen“ tatsächlich die besten Problemlöser für das spezifische Problem sind. Höchstwahrscheinlich gibt es Menschen auf der Welt, die sich im entsprechenden Gebiet besser auskennen, die ein ähnliches Problem schon mal in der Vergangenheit gelöst haben oder die das Problem aus einer neuen Perspektive betrachten und denen entsprechend eine gänzlich unerwartete Lösungsidee kommt – wie im Beispiel des Längengradproblems. 

Auch eine Art von Crowdsourcing: Bei der TOP 100-Denkerrunde suchen Unternehmer aus unterschiedlichen Branchen nach Lösungen. Bild: Jörg Bluhm

Leider wissen Unternehmen normalerweise nicht, wer diese Menschen sind. Das Prinzip der Selbstselektion sagt, dass diejenigen, die die beste Lösungskompetenz haben, sich selbständig dem Problem zuordnen. Wer eine Idee hat, macht von selbst mit, muss also nicht gesucht werden. 

In einem aktuellen Forschungsprojekt des Instituts für Entrepreneurship & Innovation der Wirtschaftsuniversität Wien konnten wir beobachten, dass der untersuchte Crowdsourcing-Wettbewerb besonders lösungsstarke Problemlöser tatsächlich wie ein Magnet anzog. Die Qualifikation der 69 Einreichungen überstieg die der angeschriebenen 11.897 potenziellen Einreicher signifikant.

2. Prinzip: Das Gesetz der großen Zahl 

Innovative Ideen kommen auch dem schlauesten und kreativsten Kopf nicht auf Befehl. Und umgekehrt findet manchmal auch ein blindes Huhn ein Korn. Die Geschichte ist voll von Beispielen von Menschen, die einmal in ihrem Leben einen genialen Einfall hatten und ihn trotz aller Versuche nie wiederholen konnten. „One-Hit-Wonder“ nennt man das Phänomen in der Musik, doch es ist auch in Wissenschaft und Wirtschaft bekannt. 

Der Vorteil von Crowdsourcing ist, dass man eine sehr große Zahl von potenziellen Problemlösern erreicht. Auch wenn deren durchschnittliche Qualifikation geringer ist als die der internen Experten: Die besten Ideen der Masse sind stärker als die Ideen der internen Fachleute. In einem zweiten Forschungsprojekt des Instituts haben wir entsprechend untersucht, ob die Zahl der Teilnehmer oder ob deren Qualifikationsprofil für den Erfolg im Wettbewerb wichtiger ist. Die Ausgangsdaten waren die Profile von 1.089 Teilnehmern an einem anderen, realen Crowdsourcing-Wettbewerb. Auf dieser Basis haben wir rechnerisch 36.400 Crowdsourcing-Wettbewerbe simuliert. Klares Ergebnis: die Größe des Teilnehmerfelds hatte einen stärkeren Einfluss als die durchschnittliche Qualifikation.

Beim Crowdsourcing kommt es darauf an, dass möglichst viele potenzielle Problemlöser mitmachen. Bild: tom/Fotolia

Fazit für Unternehmen, die innovative Lösungen suchen

Erstens: Crowdsourcing ist immer dann stark, wenn unklar ist, von wem die beste Lösung kommen wird. Es begünstigt also kreative, schlecht strukturierte und schwierige Probleme. Für Innovationsprobleme ist es besser geeignet als für reine Optimierungen. Entscheider können darauf setzen, dass es diejenigen anzieht, denen neuartige Lösungen leicht einfallen – und der Wettbewerb sollte so gestaltet sein, dass dieses Prinzip forciert wird.

Zweitens: Bei Crowdsourcing-Wettbewerben sollten Unternehmen eine große Zahl von potenziellen Problemlösern ansprechen und zur Teilnahme bewegen. 

Innovation ist nicht programmierbar und der Faktor Glück spielt eine größere Rolle, als uns manchmal bewusst ist. Das Glück kann man aber in den Griff bekommen, wenn man viele Versuche unternimmt. Erneut ist dies eine Frage der Organisation des Wettbewerbs. Beachtet man diese Prinzipien, dann kann Crowdsourcing tatsächlich eine Wunderwaffe sein.

Quellenhinweis

Der Beitrag erschien ursprünglich 2019 in der Juni-Ausgabe des Newsletters „Entrepreneurship & Innovation Insights“ der Executive Academy der WU Wien und wurde für diesen Blog leicht überarbeitet.

Autor

Prof. Dr. Nikolaus Franke ist Leiter des Instituts für Entrepreneurship und Innovation der Wirtschaftsuniversität Wien, des WU Gründungszentrums und der User Innovation Research Initiative an der WU Wien sowie Akademischer Leiter des „Professional MBA Entrepreneurship & Innovation“, der gemeinsam mit der TU Wien und der WU Executive Academy angeboten wird. Ferner war Franke Gastforscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und fungiert als wissenschaftlicher Leiter des Innovationswettbewerbs TOP 100.

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