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Cool Britannia

23. Mai 2019 Sven Kamerar Lesedauer 6 Minuten

Ein James-Bond-Auto, das früher total vermüllt war? Und ein Autohersteller mit eigenem Sägewerk? Das und vieles mehr erlebten die Teilnehmer der TOP 100-Expedition bei Aston Martin und Morgan. An zwei außerordentlich informativen und unterhaltsamen Tagen lernten sie viel über „Made in Britain“.

Wer ein Buch oder einen Zeitungsartikel über Aston Martin zur Hand nimmt, dem begegnen zwei unverrückbare Elemente automobiler Geschichtsschreibung: „Aston Martin, das ist James Bond.“ Und: „Aston Martin ging in seiner 106-jährigen Geschichte sieben Mal pleite.“

Warum aber eine Marke, die 1964 mit dem Film „Goldfinger“ und weiteren „Auftritten“ zu Weltruhm gelangte, so lange wirtschaftlich zu kämpfen hatte, bleibt in den allermeisten Publikationen unerwähnt.

Diesem Mysterium und dem Geheimnis des heutigen großen Erfolgs von Aston Martin gingen 30 Top-Innovatoren auf den Grund. Sie reisten im Rahmen der diesjährigen TOP 100-Expedition zu der Sportwagenschmiede und schauten im Anschluss bei einer weiteren Legende des britischen Automobilbaus vorbei: Morgan.

Ausgangspunkt der Besuche war die malerische Shakespeare-Stadt Stratford-upon-Avon, über die alle Teilnehmer bei einer Stadtführung sehr viel Wissenswertes erfuhren.

Stratford-upon-Avon: Der berühmteste Bürger, William Shakespeare, verhalf dem Ort zu Weltruhm. ©Sven Kamerar

Roboter? Nein, danke!

Aber wie war das nun mit James Bond? Als nach der Kinopremiere von „Goldfinger“ weltweit ein Sturm des Interesses an der Marke losbrach, hatten die Engländer ein Problem: Sie konnten nicht liefern. Gerade einmal elf Fahrzeuge schafften sie pro Woche, der Konkurrent Jaguar kam mit seinem E-Type schon auf 75! Wegen der geringen Stückzahl war der Preis zugleich exorbitant hoch, jenseits der ohnehin schon üppigen Preise für Ferrari oder Mercedes. Ein Aston fand deshalb außerhalb des Königreichs mit seinen patriotischen Käufern nur wenige Liebhaber.

Die Mannschaft im damaligen Stammwerk Newport Pagnell störte das nicht. Sie setzte weiterhin auf ein Höchstmaß an Handarbeit. Noch 2004, als die Produktion von Newport Pagnell nach Gaydon umzog, stand in der Festschrift: „Kein Roboter hat jemals diese Hallen betreten.“ So entstanden dort in 52 Jahren gerade einmal 13.300 Fahrzeuge, rund drei pro Woche, gefertigt von einer verschwindend geringen Zahl von Mitarbeitern.

Den Mythos Aston Martin bei einer Testfahrt erkunden. ©Jörg Bluhm

Sprung in die Zukunft

Die Zeiten sind lange vorbei: Heute beschäftigt die Firma an verschiedenen Standorten rund 3.000 Mitarbeiter und produziert jährlich mehr als 6.000 Fahrzeuge – Aston Martin hat den Sprung in die Zukunft geschafft. Demnächst rollen sogar ein SUV und ein Ferrari-Herausforderer mit Mittelmotor von den Bändern.

Dass die Tradition und der Anspruch auf eine hochwertige Verarbeitung darunter nicht leiden müssen, erfuhren die TOP 100-Unternehmer bei ihrer Werksbesichtigung – unter der äußerst unterhaltsamen und fachkundigen Führung des Aston-Martin-Mitarbeiters Nick.

Tourguide und Entrümpler: Nick bei seiner äußerst lehrreichen Führung. ©Jörg Bluhm

Rollende Rumpelkammer

Die Besucher schnupperten dabei an edlem Leder, staunten über die vielfältigen Farben, in denen ein Aston bestellt werden kann, und erhielten zur Einführung einen Überblick über die Geschichte der Marke – anhand einer beeindruckenden Armada historischer Fahrzeuge. In dieser automobilen Ahnengalerie stand auch eines von zehn gebauten Sondermodellen vom Typ DB10 für den Bond-Film „Spectre“.

Bei der Führung erinnerte sich Nick noch mit Schrecken an den Besuch von Prinz Andrew. Denn der, so schwante ihm seinerzeit in der Nacht vor dem Besuch, würde sich vielleicht gerade das damals aktuelle Bond-Auto genau anschauen wollen. Das Problem: Der Wagen hatte inzwischen mehr oder weniger als Lagerraum für allerlei Plunder gedient. In Windeseile organisierte Nick deshalb zusammen mit Kollegen eine Aufräumaktion und versetzte den Innenraum in einen makellosen Zustand. Zum Glück: His Royal Highness, der Duke of York, steuerte tatsächlich geradewegs auf den DB10 zu und wünschte eine Sitzprobe!

Eschenholz ist biegsam, nimmt keine Feuchtigkeit auf und ist deshalb äußerst langlebig – „Why change anything?“ ©Sven Kamerar

Bestseller: seit über 80 Jahren in Produktion

Während Aston Martin in beeindruckender Weise Tradition und Innovation verknüpft – wie die Teilnehmer gerade auch bei den Testfahrten über malerische Landstraßen erleben durften –, ist ein anderer Hersteller damit erfolgreich, ausschließlich auf Tradition zu setzen: Morgan.

Seit 1936 baut die hingebungsvolle Mannschaft aus Malvern zum Beispiel sein Erfolgsmodell 4/4 – noch immer mit einem Holzrahmen aus Eschenholz, noch immer mit handgeformten Blechen, und noch immer mit Blattfedern, Starrachse und Trommelbremsen hinten. Warum Morgan nichts ändert? „Weil es noch immer gut ist und seinen Zweck voll und ganz erfüllt“, formulierte der dortige Tourguide Brian das Mantra des Unternehmens.

Aber natürlich ist es nicht so, dass sich Morgan ganz dem Fortschritt entziehen würde: Beim Rundgang auf dem Werksgelände entdeckten die Besucher neben einem klassischen Threewheeler, der 1910 den Ruhm der Marke begründete, den Prototypen eines Elektro-Threewheelers! „Very soon“ werde der auf den Markt kommen, erklärte Brian.

Im Hinterhof bei Morgan entdeckt: Ein Elektro-Threewheeler. ©Sven Kamerar

Akkuschrauber als Hightech

Und noch mehr Hightech: Als die Gäste in den „Woodshop“ kamen, dort, wo in einer wundervollen „Geruchsatmosphäre“ aus Holz und Leim die Rahmen gefertigt werden (mit Holz aus dem eigenen Sägewerk!), stellte ihnen Brian – in Form eines aufgestellten Pappkameraden, weil der echte gerade nicht da war – Vince vor: den mit einer Betriebszugehörigkeit von 44 Jahren derzeitigen Rekordhalter unter den für gewöhnlich langgedienten Morgan-Mitarbeitern.

Als Vince, so berichtet es zufällig ein britisches Automagazin in diesen Tagen, von der jahrzehntelangen Arbeit mit Hobeln und Schraubenziehern „einen furchtbaren Tennisarm“ bekommen hatte, investierte Morgan kurzerhand in Akku-betriebene Werkzeuge.

Den Mythos Aston Martin bei einer Testfahrten erkunden. ©Jörg Bluhm

Auf ein Wiedersehen!

Es ließen sich noch viele wunderbare Geschichten über den Aufenthalt und die Gespräche in Stratford, Gaydon und Malvern berichten. Und über die Freundlichkeit und Gelassenheit, mit der die Briten zum Beispiel selbst im dichtesten Straßenverkehr miteinander umgehen, fernab aggressiver Hup-Orgien und Drohgebärden.

Denn wer glaubte, einem von endlosen Brexit-Diskussionen enervierten und erschöpften Volk zu begegnen, der sah sich getäuscht. Die Briten wahren selbst jetzt ihre „stiff upper lip“ und ihren zuvorkommenden Pragmatismus.

In einigen Jahren wird die TOP 100-Expedition deshalb sicherlich noch einmal auf der Insel vorbeischauen, um zu sehen, wie es Aston Martin und Morgan inzwischen ergangen ist. Bis es so weit ist, besucht TOP 100 im kommenden Jahr derweil die Hightech-Schmiede McLaren – und freut sich einmal mehr auf die Briten.

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Autor

Sven Kamerar ist der Leiter der Unternehmenskommunikation bei compamedia. Unter @SKamerar twittert er über alle Themen rund um TOP 100.

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