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Chatbots – Künstliche Intelligenz als Alltagshelfer

08. September 2016 Pascal Simon Lesedauer 4 Minuten

Smartphone-Besitzer können jetzt über den Facebook-Messenger nicht nur mit Freunden und Familie Kurznachrichten austauschen, sondern auch mit sogenannten „Chatbots“. Im Plauderton versorgt die KI Nutzer mit Informationen, Nachrichten und Shopping-Angeboten – und simuliert eine bizarre Vertrautheit.

Kennen Sie den Film „Her“? Die oscarprämierte Zukunftsvision von Regisseur Spike Jonze erzählt die Geschichte einer Liebesbeziehung zwischen dem Protagonisten Theodore und seinem Computerbetriebssystem „Samantha“. Via Headset und Videokamera verbunden, spricht Theodore mit Samantha über alles, was ihn bewegt. Samanthas selbstlernender Algorithmus verarbeitet diese Informationen und kann sich so gut auf Theodore und dessen Gefühlswelt einstellen, bis dieser sie letztlich als seine Lebenspartnerin begreift.  

Zugegeben: Von einer Liebesbeziehung zu „Siri“ oder „Cortana“ sind Smartphone-Nutzer noch weit entfernt. Dennoch hält das Thema künstliche Intelligenz nach und nach Einzug in unseren Alltag. Das beste Beispiel hiefür liefert Facebook: Auf seiner diesjährigen Entwicklerkonferenz F8 präsentierte der Social-Media-Riese seinen neuesten Coup: Chatbots für die hauseigene Messenger-App.

Der Bot, dein Freund und Helfer

Chatbots sind Programme, mit denen der Nutzer in Dialogform interagieren kann. Die Bots verfügen über eine Datenbank aus verschiedenen Kommunikationsbausteinen und reagieren im „Gespräch“ mit dem Nutzer auf bestimmte Keywords mit fest programmierten Antworten. Die grundlegende Idee zu dieser Kommunikationsform zwischen Mensch und Maschine stammt bereits aus dem Jahr 1966. Damals programmierte der Informatiker Joseph Weizenbaum den Bot ELIZA.

Fünfzig Jahre später macht sich nun Facebook auf, mit dieser Idee seinen Messenger neu zu erfinden. Denn während ELIZA in erster Linie ein Forschungsprojekt war, sind die neuen Bots vor allem als kleine Alltagshelfer konzipiert. Egal, ob man sich über das Wetter, die neuesten Filme im Kino oder über seine Rechte als Mieter informieren will – all das lässt sich ohne Rechercheaufwand direkt innerhalb des Messengers erledigen. Man muss nur beim entsprechenden Bot nachfragen. Einen Überblick über die gesamte Bandbreite der angebotenen Bots finden Sie hier.

Vom Chat-Dienst zur Universal-Plattform

Wirklich interessant wird das Ganze aber erst dadurch, dass Facebook auch anderen Unternehmen die Möglichkeit gibt, den Nutzern ihre Dienste über einen eigenen Bot direkt im Messenger anzubieten. So lässt sich beispielsweise ein Tisch im Restaurant reservieren, nach Flügen suchen oder – zumindest in den USA – ein Taxi via Uber bestellen. Natürlich tummeln sich auch zahlreiche Shopping-Bots auf dieser neuen Spielwiese.

Die eigentliche Innovation besteht also in dem Ausbau des Messengers von einem Dienst zum Versenden privater Nachrichten hin zu einer universellen Plattform, über die die Nutzer sich informieren und einkaufen können. Damit folgt man in Cupertino dem aktuellen Trend. Denn während die Anzahl der durchschnittlich installierten Apps bereits seit Längerem rückläufig ist, steigen die Nutzerzahlen von Kurznachrichtendiensten kontinuierlich an. Allein Facebooks Messenger verzeichnete laut "Statista" im Juli 2016 weltweit eine Milliarde aktiver Konten – doppelt so viele wie noch vor anderthalb Jahren. Vor diesem Hintergrund entspringt die Einführung von Chatbots letztlich dem Wunsch nach einem direkten Zugang zu dieser stetig wachsenden Nutzergemeinschaft. 

Bots mit Persönlichkeit

Bisher schneiden viele der angebotenen Bots im Alltagstest jedoch eher mäßig ab. Anfragen müssen oft wiederholt oder umformuliert werden, bis die KI sie verstanden hat. Von einer echten Unterhaltung, wie Theodore sie mit Samantha führt, ganz zu schweigen. So kann auch die gewohnte Chat-Umgebung nicht verhindern, dass sich die Interaktion mit dem Bot ein wenig merkwürdig anfühlt. Denn eines darf man nicht vergessen: Messenger-Dienste waren bisher ausschließlich privaten Gesprächen mit Familie, Freunden und Kollegen vorbehalten. Bei den Nutzern besteht demnach eine gewisse Hemmschwelle, diesen Raum privater Kommunikation für automatisierte Chatprogramme zu öffnen. Zumal wenn die Interaktion derart tumb abläuft wie zurzeit.

Dieses Problem hat man auch bei Facebook erkannt: „ We're just getting people used to the idea that you can message more than just people on Messenger“, sagt Facebooks Produktmanager Seth Rosenberg . Damit der Chat mit ihren Bots sich weniger „künstlich“ anfühlt, haben die Kalifornier ein lernfähiges Optimierungstool entwickelt. „Deep Text“ untersucht Postings und Nachrichten der Nutzer und erkennt die zugrunde liegenden Sprachmuster. Dadurch fällt es letztlich auch den Bots leichter, den Nutzer zu verstehen bzw. sich mit ihm zu „unterhalten“. Bedenken bzgl. Datenschutz und Privatsphäre seien hier mal dahingestellt.  

Neben Facebook tüfteln weitere Unternehmen an der Entwicklung von Chatbots und deren Integration in Messenger-Dienste. In Asien genießt beispielsweise „WeChat“ der chinesischen Firma Tencent große Popularität. Und natürlich arbeitet auch Google an einem ähnlichen Projekt:  Noch in diesem Jahr soll der sprachgesteuerte Chatbot „Danielle“ erscheinen. Nach Angaben von Google und Chef-Entwickler Ray Kurzweil soll dieser über eine eigene Persönlichkeit verfügen und auch für intelligente Gespräche jenseits einer Pizzabestellung zur Verfügung stehen. Ob Danielle jedoch ebenso viele Verehrer findet wie Samantha, bleibt abzuwarten.

Autor

Pascal Simon ist Redaktionsleiter des TOP 100-Blogs und Junior PR-Berater bei compamedia

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