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Bargeld ade?

25. August 2016 Pascal Simon Lesedauer 5 Minuten

Die Digitalisierung hat längst auch den Zahlungsverkehr erreicht. Während in Ländern wie den USA oder Schweden das Bargeld aus der Öffentlichkeit verschwindet, treiben IT-Riesen wie Apple und Google die Entwicklung des Mobile Payment voran, eines kontaktlosen Bezahlvorgangs via Smartphone.

Donnerstagmorgen in Überlingen. Ich stehe beim Bäcker und wühle in meinem Portemonnaie nach 1,20€ für mein allmorgendliches Schokocroissant. Unter dem ungeduldigen Blick der Verkäuferin gebe ich schließlich auf und reiche ihr kleinlaut einen 50€-Schein. Ihre Ungeduld schlägt um in blanke Verachtung: „Größer ham Sie’s nicht? Ich hab grade zu viel Kleingeld in der Kasse!“ Schnell murmele ich ein paar Worte der Entschuldigung und sehe zu, dass ich aus dem Laden komme.

Auf dem Weg ins Büro steigt der Ärger in mir auf. Über die schlechtgelaunte Verkäuferin und meinen unrühmlichen Abgang, aber auch auf die technische Rückständigkeit deutscher Bäckereifilialen. Schließlich kann ich fast überall meine Rechnung via EC- oder Kreditkarte begleichen. Beim Bäcker heißt es dagegen: „Nur Bares ist Wahres“.

Das Bargeld verschwindet aus dem Alltag

Dabei zeigt der Blick in andere Länder, wie anachronistisch diese Haltung mittlerweile ist. Gerade in Skandinavien bezahlen Kunden zumeist auf elektronischem Wege. Vorreiter des digitalisierten Zahlungsverkehrs ist Schweden. Der Annahmezwang von Bargeld ist hier für die meisten Geschäfte abgeschafft. Selbst der Klingelbeutel in der Kirche wurde mancherorts durch einen „Kollektomat“ ersetzt, an dem Spenden via Kreditkarte entrichtet werden.

Dieser Trend ruft natürlich auch die digitalen Branchenriesen Google und Apple auf den Plan. Mit Android Pay und Apple Pay haben beide eine App entwickelt, mit deren Hilfe Kunden im Supermarkt, im Einzelhandel oder auch in Restaurants und Kneipen ganz einfach via Smartphone bezahlen können. Auch die ehemalige eBay-Tochter PayPal ist auf diesem Markt vertreten.

So funktioniert Mobile Payment

Um diese Anwendung nutzen zu können, müssen die persönlichen Kreditkartendaten in der jeweiligen App hinterlegt werden. Außerdem wird ein Konto bei einer der teilnehmenden Banken benötigt, über das die Umsätze der Kreditkarte abgerechnet werden. Theoretisch ist es auch möglich, gleich mehrere Karten für das Verfahren anzumelden und bei jeder Zahlung die passende auszuwählen.

Der Bezahlvorgang im Laden wird schließlich mit Hilfe der sogenannten Near Field Communication (NFC)-Technologie abgewickelt, die eine kontaktlose Datenübertragung zwischen zwei Geräten per Funk ermöglicht. Das Smartphone wird kurz über das Kartenterminal des Händlers gehalten, die Kreditkartendaten werden verschlüsselt übermittelt und die Zahlung schließlich durch den Scan des Fingerabdrucks bestätigt. Nach wenigen Sekunden ist der Einkauf bezahlt. Kein langes Stöbern nach Münzen, kein böser Blick der Verkäuferin.

Trotz der bestehenden Kooperationen mit den gängigen Kreditkartenanbietern VISA, Mastercard und American Express sind beide Bezahldienste aktuell vor allem in den USA verbreitet. Vom Premium-Supermarkt Whole Foods über die Fast-Food-Riesen Subway und McDonald’s bis hin zum Spielzeughändler Toys’R’us rüsten die Händler ihre Kartenterminals nach und nach mit der notwendigen NFC-Technologie aus.

Mobile Payment auch in Deutschland?

Doch auch in Europa kommt langsam Bewegung in den Mobile Payment-Sektor. Seit 2015 ist Apple Pay in Großbritannien verfügbar, 2016 folgten Frankreich und die Schweiz. Auch in Spanien ist die Markteinführung noch in diesem Jahr geplant. Google verfolgt mit seinem Bezahldienst eine ähnliche Expansionsstrategie. Seit diesem Jahr leistet Android Pay seinem Apple-Pendant auf dem britischen Markt Gesellschaft. Zwar mangelt es beiden Diensten in Europa noch an ausreichend Kooperationspartnern unter Banken und Händlern, doch scheint das die Euphorie um die neue Technologie kaum zu beeinträchtigen.

In Deutschland warten Technik-Enthusiasten ebenfalls sehnsüchtig auf die Markteinführung. Einen Termin hierfür gibt es bislang noch nicht. Wer dennoch nicht auf das mobile Bezahlen verzichten möchte, kann auf den von O2, Telekom und Vodafone ins Leben gerufenen Dienst mpass zurückgreifen. Dieser funktioniert vom Prinzip her ähnlich wie die vorgestellten Alternativen aus dem Silicon Valley und kann beispielsweise in Aral-Tankstellen oder beim Buchhändler Thalia eingesetzt werden. Statt eines Fingerabdruckscans wird allerdings eine klassische PIN zur Zahlungsfreigabe benötigt. Außerdem ist der NFC-Chip in diesem Falle nicht im Smartphone integriert, sondern wird als Sticker von außen auf die Hülle geklebt. Das ist zwar ein wenig aufwendiger, aber dafür lässt sich das Verfahren auch auf älteren Smartphones nutzen. Bei Apple und Google dagegen ist die NFC-Technologie auf die teuren Flaggschiffe der Konzerne beschränkt.

In den Wettkampf um das beste System und die Vorherrschaft im Mobile Payment-Sektor hat sich mit PayPal schließlich auch ein Veteran des digitalen Zahlungsverkehrs eingeschaltet. Durch seine sichere Zahlungsabwicklung bei Online- oder In-App-Käufen hat sich das 1998 gegründete Unternehmen auch in Deutschland bereits einen breiten Kundenstamm aufgebaut. Der Schritt von der virtuellen in die reale Welt ist die logische Konsequenz dieses Erfolgs. Doch auch dieses Projekt steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen und beschränkt sich auf einige Restaurants, Kneipen und Cafés in den Großstädten. Der Bezahlvorgang läuft hierbei anders ab als bei der Konkurrenz: über die PayPal App können Nutzer in den jeweiligen Gaststätten „einchecken“. Im Kassensystem des Betreibers erscheint daraufhin der Name des Nutzers plus das von ihm in der App hinterlegte Profilbild. Die Authentifizierung erfolgt hier also nicht über NFC, sondern ganz analog über Gesichtserkennung. Zum Begleichen der Rechnung nutzt die App schließlich die „Geld-senden“-Funktion, mit deren Hilfe sich Beträge auf jedes beliebige PayPal-Konto transferieren lassen.

Und der Datenschutz?

Ersetzt das Smartphone nun also das Bargeld? Die Technologie scheint ausgereift und die Vorteile des kontaktlosen Bezahlvorgangs liegen auf der Hand. Doch wie so oft, kommt man auch in diesem Fall nicht um die Frage nach der Privatsphäre herum. Will ich Firmen wie Google oder Apple tatsächlich meine Kreditkartendaten überlassen und Einblick in das zugehörige Konto gewähren? Will ich ihnen dadurch tatsächlich ermöglichen, all meine getätigten Zahlungen 1:1 nachzuvollziehen? Wohin das führen kann, zeigt ein Patentantrag von Apple aus dem vergangenen Jahr. Demnach sollen Nutzer abhängig von ihrem Kontostand unterschiedliche Werbeanzeigen auf ihrem Smartphone angezeigt bekommen.

Damit läuft auch die Entscheidung pro oder contra Mobile Payment auf das alte Dilemma hinaus: Schutz der Privatsphäre vs. technologischer Fortschritt. Für mich heißt das: entweder eine ungehaltene Verkäuferin oder Backwaren-Werbung in meiner Facebook-Timeline. Oder ich nehme einfach ein wenig Kleingeld mit.

Autor

Pascal Simon ist Redaktionsleiter des TOP 100-Blogs und Junior PR-Berater bei compamedia

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