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Geschäftsmann hält einen Zettel mit der Aufschrift "Tell Me More!"

99,5 Prozent der Manager unterschätzen Kunden

03. März 2017 Prof. Dr. Nikolaus Franke Lesedauer 4 Minuten

Die Fähigkeit zur Innovation ist in praktisch allen Branchen der wichtigste Wettbewerbsfaktor. Wer diese Fähigkeit besitzt, kann heute schneller wachsen als je zuvor – wem sie fehlt, der riskiert die “schöpferische Zerstörung“. Viele Manager kennen allerdings ihre wichtigste Innovationsquelle nicht.

Es gilt seit einigen Jahren als gesicherte Erkenntnis der Innovationsforschung, dass User die wichtigste Innovationsquelle sind. Zahllose Innovationen, vom Mountain Bike über die Herz-Lungen-Maschine, „atmende“ Schuhe, dem Flugzeug bis zum Internet stammen von Nutzern, die Trends angeführt und dringend eine Lösungen für ein Problem gesucht haben.

Aufgeklapptes MacBook
Apple macht’s vor: Der Konzern verfügt über eine der wohl aktivsten User-Communitys weltweit. In den zahlreichen Foren verbergen sich viele gute Ideen, die Manager nutzen können.

Der auf „Open Innovation“ spezialisierte Ökonom Eric von Hippel vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und seine Kollegen belegen in einer Reihe von Studien, dass ein Großteil der jeweils wichtigsten Innovationen eines Marktes auf Ideen und Prototypen von Usern zurückgehen. Im Zeitalter der „Connectedness“ hat sich diese Dominanz weiter verstärkt. Es ist heute einfach, sich über User-Foren und Online-Communities mit anderen Usern zu vernetzen, auszutauschen und fehlendes Wissen zu erschließen.

Im Wissen um die Bedeutung von Open Innovation hat Österreich sogar im vergangenen Jahr als erstes EU-Land „eine umfassende nationale Open-Innovation-Strategie“ entwickelt. Beteiligt waren die Bundesministerien für Verkehr, Innovation und Technologie sowie für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft.

Studie belegt Unkenntnis bei Managern

Wie weit ist aber das Wissen über die Bedeutung von Open Innovation in der Praxis tatsächlich verbreitet? Das habe ich gemeinsam mit meinem Mitarbeiter Philip Bradonjic, MA, und Prof. Dr. Christoph Lüthje vom Institut für Innovationsmarketing der Technischen Universität Hamburg untersucht. Dazu haben wir 1.768 Entscheidungsträger aus Unternehmen, Politik und Wissenschaft befragt.

Die Befragten sollten schätzen, wie sich die jeweils wichtigsten Innovationen aus den Bereichen Medizin-Apps, Off-Label-Medikamente, disruptive Innovationen, wissenschaftliche Instrumente, Kajaksport, Windsurfen, mobile Finanzdienstleistungen sowie Bankdienstleistungen für Privat- und Firmenkunden auf die möglichen Quellen User, Hersteller, Universitäten/Forschungseinrichtungen, Erfinder oder sonstige Dienstleister verteilten. Für alle Innovationen lagen wissenschaftlich abgesicherte Informationen über die tatsächlichen Quellen vor. Dadurch konnten die aggregierten Schätzwerte mit den tatsächlichen Werten verglichen werden.

Insgesamt unterschätzten die befragten Manager User als Innovationsquelle um 58 Prozent – die wahre Bedeutung dieser wichtigsten Quelle wurde also durchschnittlich nicht einmal zur Hälfte erkannt. Nur eine winzige Minderheit der 1.768 Befragten – genau neun Personen! – wertete die Bedeutung von Usern korrekt oder überschätzte sie leicht. 99,5 Prozent der Manager dagegen glaubten, dass auf User weniger Innovationen zurückgehen als dies tatsächlich der Fall war.

Diese Unterschätzung zieht sich quer durch alle Branchen, Organisationsgrößen, Hierarchieebenen, Funktionsbereiche und Bildungshintergründe. Man kann also sagen, dass es sich bei der Unterschätzung von User Innovation um eine stabile und systematische Wahrnehmungsverzerrung handelt.

Ursachen der Wahrnehmungsverzerrung

Geschäftsmann steht vor einer Tafel mit Glühbirnen
Crowdsourcing ist für viele Manager derzeit noch ein Fremdwort. Doch der Blick über den Tellerrand des eigenen Unternehmens lohnt sich.

Als Gründe für diesen überraschend deutlichen Befund bieten sich zwei Erklärungen an: Zunächst fehlt es einfach an Wissen über aktuelle Erkenntnisse der Innovationsforschung. Traditionelle Lehrbücher vermittelten lange das Bild des Herstellerunternehmens als zentralem Innovationstreiber. Auch die Unternehmen, die User-Innovationen aufgreifen und kommerziell vermarkten, legen kaum jemals die Quelle der Innovation offen. So kommt es, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, wie mächtig und kreativ die große Masse der User sein kann. Der zweite Grund ist, dass Innovationen von außerhalb des Unternehmens vielfach als Bedrohung empfunden werden. „Not invented here“, heißt die weitverbreitete Tendenz von Organisationen, die Kreativität außerhalb des Unternehmens aktiv abzuwerten.

Wer sich die gewaltigen ökonomischen Potenziale von User-Innovationen nicht entgehen lassen möchte, der sollte unbedingt einen Zugang zu neuen Methoden und Erkenntnissen suchen. Schlagworte wie „Lead User“, „Crowdsourcing“ und „Innovationscommunities“ haben wohl die meisten Manager schon gehört – aber wie macht man es konkret? Welche Methoden helfen in welcher Situation? Wie kann man die Suche nach Innovationen effizient organisieren? Wie baut man ein dauerhaftes Ökosystem mit User-Communities auf? Das Wissen zu diesen Fragen schreitet rasant voran. Und damit lassen sich die Antworten dazu gut und schnell erschließen. Wer also den Anschluss nicht verpassen will, der sollte rasch handeln.

 

Quellenhinweis
Der Beitrag erschien ursprünglich in der Februar-Ausgabe des Newsletters „Entrepreneurship & Innovation Insights“ der Executive Academy der WU Wien und wurde für diesen Blog leicht überarbeitet.

Autor

Prof. Dr. Nikolaus Franke ist Leiter des Instituts für Entrepreneurship und Innovation der Wirtschaftsuniversität Wien, des WU Gründungszentrums und der User Innovation Research Initiative an der WU Wien sowie Akademischer Leiter des „Professional MBA Entrepreneurship & Innovation“, der gemeinsam mit der TU Wien und der WU Executive Academy angeboten wird. Ferner war Franke Gastforscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und fungiert als wissenschaftlicher Leiter des Innovationswettbewerbs TOP 100.

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